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„Red Rabbit“ funkt dem KGB beim Papst-Attentat dazwischen

Papst Johannes Paul II. (hier eine Aufnahme von 1987) wurde 1981 auf dem Petersplatz von einem türkischen Extremisten angeschossen. Tom Clancy spinnt daraus in "Red Rabbit" eine KGB-Affäre. Foto: Dr. Meierhofer, Wikipedia, GNU-Free-Lizenz

Papst Johannes Paul II. (hier eine Aufnahme von 1987) wurde 1981 auf dem Petersplatz von einem türkischen Extremisten angeschossen. Tom Clancy spinnt daraus in „Red Rabbit“ eine KGB-Affäre. Foto: Dr. Meierhofer, Wikipedia, GNU-Free-Lizenz

Tom Clancy meißelt mit Spionagethriller der Ignoranz ein Denkmal

Papst Johannes Paul II. droht 1981 in einem Geheimbrief zurückzutreten, wenn die Sowjetunion weiter seine Polen unterdrückt. Das ärgert die Kreml-Führung derart, dass KGB-Chef Juri Andropow den Tod des Papstes beim bulgarischen Geheimdienst fordert. Der wiederum beauftragt einen zielunsicheren türkischen Kriminellen mit dem Attentat. Doch zum Glück bekommt KGB-Chiffrieroffizier Oleg Saitzew Wind von der Intrige und verrät die Mordpläne an den CIA. Der schickt wiederum den MI6 und den Analysten Jack Ryan, um den „Red Rabbit“ (CIA-Jargon für Überläufer) aus dem Ostblock zu holen. Um die Flucht zu vertuschen, sind die Briten nicht zimperlich und zünden nachts ein vollbelegtes Hotel in Budapest an…

USA de luxe: Kaffee, Frauen, Gesundheitssystem…

Juri Andropow war vor seiner kurzen Zeit als KPdSU-Generalsekretär jahrelang KGB-Chef. Foto: SU-Botschaft in den USA, Wikipedia, Public Domain

Juri Andropow war vor seiner kurzen Zeit als KPdSU-Generalsekretär jahrelang KGB-Chef. Foto: SU-Botschaft in den USA, Wikipedia, Public Domain

Dies hätte an für sich eine zwar abstruse, aber leidlich spannende Agenten-Story abgegeben, was Tom Clancy aber nicht genug war, als er „Red Rabbit“ schrieb. Daher füllt der US-Autor seinen Thriller mit endlosen Exkursen über seine Sicht auf Gott, die Welt sowie Gut und Böse auf, was dazu führt, dass die Krimigeschichte auf über 700 Seiten im Schneckentempo vorankrabbelt. So lässt er sich seitenweise darüber aus, was in den USA alles besser ist als im Rest der Welt: Baseball (Fußball ist nämlich ein Mädchenspiel), Steaks von mit Getreide gefütterten Rindern, Strumpfhosen, Frauen (die sind außerhalb der USA alle zu fett und devot), Cartoon-Fernsehen, Sturmgewehre, auch das US-Gesundheitssystem ist allen anderen überlegen, die amerikanische Körperhygiene und natürlich der Kaffee (!), gegen den die italienischen Espressi nur wie Asche schmecken.

Abrechnung mit liberaler US-Presse und laschen Europäern

Nur eines funktioniert nicht so recht in Gottes eigenem Land: Statt patriotisch für die Regierung zu arbeiten, schreibt die erbärmliche US-Presse scheißliberale Artikel – igitt! Und natürlich bekommen die laschen Europäer ihr Fett weg, die sich anders als Ryan gar nicht so recht an amerikanischer Mannstopper-Munition aufgeilen wollen, die den Getroffenen so schön schnell verbluten lässt.

Direkter Weg von Moskau nach Budapest führt über… Sofia

Tom Clancy. Foto: David Burnett

Tom Clancy. Foto: David Burnett

Nun hat Clancy all dies nicht als unerfahrener Jung-Autor geschrieben. Inhaltlich ist „Red Rabbit“ zwar erst der dritte Roman um seinen Lieblings-Geheimdienstler Jack Ryan, geschrieben hat er ihn aber erst 2002. Da hatte er eigentlich schon genug Gelegenheit für geografischen Nachhilfeunterricht gehabt, was ihn zum Beispiel aber nicht davon anhält, die direkte Zuglinie von Moskau nach Budapest an Sofia vorbeizuführen – die Fehlerliste ließe sich lang fortsetzen. Aber wie bringt es sein Analyst Ryan, dem Bibelunterricht vollkommen als Informationsquell reicht, doch so schön auf den Punkt: Wozu sich um Wissen bemühen, wenn man doch Waffen hat.

Fazit: abstrus

Tom Clancy hat Ignoranz und Überheblichkeit mit „Red Rabbit“ ein nahezu perfektes Denkmal gesetzt. Regelrecht peinlich sind seine Versuche, aus eigenen Klischees die Gedankenwelt kommunistischer Funktionäre herzuleiten. Auch stilistisch wirkt dieser Ryan-Krimi im Vergleich etwa zur „Stunde der Patrioten“ durch seine ermüdenden Exkurse ziemlich verkorkst. Dafür erleichtert sein Roman das Verständnis dafür, warum Ronald Reagans Einteilung der Welt in die Reiche des Guten und des Bösen in Amerika seinerzeit auf solch fruchtbaren Boden fallen konnten. Wer nie verstanden hat, warum die USA vielerorts ein Beliebtheits-Problem haben, sollte hier nachlesen. Autor: Heiko Weckbrodt

Tom Clancy: „Red Rabbit“, Spionage-Krimi, Original: USA 2002, seit 2012 auch als eBuch beim Heyne-Verlag verfügbar, zehn Euro, ISBN 978-3-641-08579-7 (Taschenbuch: elf Euro, 736 Seiten), Leseprobe hier:
 

Zum Weiterlesen:

Tom Clancys „Jagd auf Roter Oktober“

Tom Clancys „Stunde der Patrioten“

 

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