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Bibliotheken: Wer sich gegen Digitaltrend stellt, geht unter

Wenn sich BNibliotheken als Erlebnisort profilieren können, sterben sie auch im Digitalzeitalter nicht aus - hier ein Blick auf die Lounge der SLUB in Dresden. Foto: SLUB

Wenn sich Bibliotheken als Erlebnisort profilieren können, sterben sie auch im Digitalzeitalter nicht aus – hier ein Blick auf die Lounge der SLUB in Dresden. Foto: SLUB

Dresdner Bibliothek SLUB setzt Scan-Offensive fort – und stellt auch den „Großen Krieg“ ins Netz

Dresden, 24. Januar 2014: Ein elektronisches Opernarchiv, ein „Internetarchiv der Stimmen“ mit Gesängen von alten Schellack-Platten und ein fotografisches Netzfenster, das einen Blick 100 Jahre zurück bis in den I. Weltkrieg öffnet, sowie weitere Projekte stehen auf dem Digitalisierungsplan 2014 für die Sächsische Landes- und Uni-Bibliothek SLUB. Das hat SLUB-Generaldirektor Thomas Bürger angekündigt, der damit den Status der Dresdner Wissenschaftsbibliothek als zweitgrößtes Digitalisierungszentrum Deutschlands – hinter der Bayrischen Staatsbibliothek – ausbauen will.

„Das elektronische Lesen lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Wer sich dagegenstemmt, statt sich an die Spitze dieses Trends zu stellen, geht unter“, ist er überzeugt. Und er sieht dies auch nicht etwa als kulturellen Verlust. „Es wird heute sogar mehr gelesen. Vielleicht nicht mehr so intensiv wie früher, sondern es wird mehr quergelesen – aber das ist nur eine natürliche Antwort der Leserschaft auf die Informationsexplosion, die wir alle erleben.“

Downloads steigen, Analog-Leihen sinken

Diese Tendenzen schlägt sich auch in den Nutzerstatistiken der SLUB nieder: Die Entleihung physischer, analoger Medien schwindet seit 2010 immer weiter, im vergangenen Jahr zählte die Bibliothek noch reichlich zwei Millionen analoge Entleihungen. Dagegen luden die Nutzer 3,4 Millionen Mal digitale Volltexte herunter, dies entspricht einem Zuwachs um über zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr (zirka drei Millionen Downloads). Mittlerweile hält die Bibliothek 1,2 Petabyte elektronische Medien auf ihren Rechnern bereit. Das entspricht nominal etwa 1,2 Billiarden Buchstaben oder dem Inhalt von einer Viertelmillion Daten-DVDs.

Im Archiv der Stimmen sind digitalisierte Schellack-Aufnahmen abrufbar. Abb.: SLUB

Im Archiv der Stimmen sind digitalisierte Schellack-Aufnahmen abrufbar. Abb.: SLUB

Das Lesen verschiebt sich aber nicht nur einfach in die digitalen Sphären, denn dann würde man Bibliotheken vielleicht eines Tages gar nicht mehr brauchen, sondern könnte sich mit Cloud-Datenbanken irgendwo in China begnügen: Zumindest die Dresdner Leserschaft liebt „ihre“ Bibliotheken und so hat auch die SLUB im vergangenen Jahr 2,38 Millionen Besuche gezählt, etwa 12 000 mehr als im Vorjahr. Denn die Uni-Bibliothek hat sich auch als Ort des gemeinsamen Lernens und als Treff etablieren können – wozu sicher auch solche Nettigkeiten wie Hightechbeton-Sonnenliegen auf der Wiese vor den Büchertürmen am Zelleschen Weg und dergleichen unorthodoxe Bibo-Ausstattungen mehr beigetragen haben.

Hochzeit im Büchertempel

Sogar eine Hochzeitsfeier wurde hier ausgerichtet: „Die Beiden hatten sich – wie so viele andere Studenten – hier bei uns in der Bibliothek kennen gelernt“, erzählt Bürger schmunzelnd. „Wir bekommen oft solche Anfragen und normalerweise sagen wir Nein, denn wir wollen kein Kirchen-Ersatz werden. Aber dieses Paar hat mich solange bekniet, bis ich eine Ausnahme gemacht habe.“

Ohnehin stehen in diesem Jahr auch eher ernste Themen auf der SLUB-Agenda – vorneweg der I. Weltkrieg, der vor 100 Jahren ausbrach, damals bald der „Große Krieg“ genannt und später oft als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde. So will die SLUB-Tochter Fotothek ein fotografische Schaufenster zu den Weltkriegs-Quellen ins Internet stellen. Auch hat die Bibliotheks selbst Dokumente für die Netzbibliothek „Europeana“ eingescannt, die aus privater Sicht die anfängliche Kriegsbegeisterung der Dresdner zeigen.

SLUB-Generaldirektor Prof. Thomas Bürger blättert in Weltkriegs-Zeitungen. Foto: Heiko Weckbrodt

SLUB-Generaldirektor Prof. Thomas Bürger blättert in Weltkriegs-Zeitungen. Foto: Heiko Weckbrodt

Vom Hurra-Gedicht zum Weltkriegsjammer

Zudem wird die SLUB im Zuge eines Verbundprojektes sächsische Zeitungen aus der Weltkriegs-Zeit digitalisieren und ins Netz stellen, die den Sinneswandel in der öffentlichen Wahrnehmung jener Zeit gut veranschaulichen: Wurden anfänglich oft und gern heroische Kriegerbilder, Hurra-Gedichte und patriotische Artikel abgedruckt, mehrten sich mit jedem Kriegsjahr die Todesanzeigen gefallener Sachsen und die kritischen Stimmen über Sinn und Erfolgsaussichten dieses Stellungskrieges der Maschinengewehre, Panzer und Schützengräben. „Immerhin sind im I. Weltkrieg auch rund 330 000 Sachsen gestorben oder wurden seither vermisst“, betont Bürger. „Das sollte man nicht vergessen.“ Autor: Heiko Weckbrodt

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  1. „Das elektronische Lesen lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Wer sich dagegenstemmt, statt sich an die Spitze dieses Trends zu stellen, geht unter“, ist er überzeugt.

    Untergang? Etwa: Apokalypse, Fegefeuer, Pulverisierung? Ich hoffe er hat nicht wirklich solche Phantasien, sondern meint „der geht runter“, also in Etage -2 der SLUB, wo die ganz dicken Schwarten stehen.

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