Bücherkiste, Geschichte
Schreibe einen Kommentar

„Jagd auf Roter Oktober“: Waffenvernarrter Thriller im Geist der Reagan-Ära

Spätere Verfilmung von Tom Clancys Buch über U-Boot-Jagd hat auf viel Arroganz und Militarismus verzichtet

Abb.: Heyne

Abb.: Heyne

Verbittert über die Widrigkeiten und Starre der sowjetischen Gesellschaft beschließt Kapitän Ramius, mit dem neuen Super-U-Boot „Roter Oktober“ gen USA zu fliehen. Weil er das auch noch dreist in einem Brief an die Admiralität ankündigt, hat er bald die gesamte rote Flotte auf dem Hals. Die postiert sich vor der US-Küste wie eine Mauer, um das schwer ortbare Raupen-Unterseeschiff am Überlaufen zu hindern. Das wiederum ruft die Amerikaner, die nichts von „Roter Oktober“ wissen auf den Plan. Bald steht die Welt am Rande eines Krieges der Supermächte – bis CIA-Berater Jack Ryan an Bord des sowjetischen U-Boots krabbelt und mit Ramius einen raffinierten Plan schmiedet…

Roman spiegelt Zeitgeist der Reagan-Ära

Wer diese Story nicht kennt, hat die wahrscheinlich die vergangenen 30 Jahre nie ferngesehen – die Verfilmung des Tom-Clancy-Romans „Jahr auf Roter Oktober“ mit Sean Connery in der Hauptrolle flimmerte schon x-mal über die Mattscheiben. Vergleicht man indes Film und Buch, fallen deutliche Unterschiede auf, nicht nur in den äußeren Geschehnissen und Story-Aufbau, sondern auch im Grundton. Clancy nämlich schrieb seinen Thriller 1984, in der Hochrüstungs-Euphorie der Reagan-Ära, als die Sowjetunion mehr denn je als „Reich des Bösen“ und Hightech-Waffen als totchic galten.

Werbevideo der Verfilmnung (xx):

Und dies merkt man dem Roman auch an: Der nämlich strotzt nur so vor militaristischer Begeisterung für amerikanische Kriegstechnik, Technik-Kauderwelsch und einer waffenvernarrten US-Arroganz, die zeitgeschichtlich als Phänomen sicher interessant ist, aber für den heutigen, etwas pazifistischeren Leser schwer zu ertragen ist. Als zum Beispiel ein amerikanischer Sonar-Soldat die elektronischen Instrumente der „Roten Oktober“ das erste Mal inspiziert, sieht er die dabei verwandte Röhrentechnik – und seine erste Bemerkung ist „Alls Megaschrott“. Da sollte man sich wohl nach einem echten Winter- oder Wüstenfeldzug noch einmal über die Vor- und Nachteile amerikanischer Elektronik unterhalten…

Russen sind bei Clancy beschränkt

Hinzu kommt, dass Clancy offensichtlich nur sehr wenig über die sowjetische Gesellschaft und Mentalität oder vom damaligen Marxismus wusste und das Wenige ganz mit amerikanischer Mentalität interpretiert. Anders als der Film-Ramius läuft der sowjetische Buch-Skipper zum Beispiel nicht über, weil er „Roter Oktober“ für eine gefährliche Erstschlagswaffe hält, sondern weil er sich in der SU nicht religiös entfalten kann – der Tod seiner Frau durch einen besoffenen sowjetischen Chirurgen ist da nur der letzte Auslöser. Auch schildert er die sowjetischen Akteure durchweg als eher dümmlich und den Amerikanern weit unterlegen. Und natürlich sind bei Clancy sowjetische Waffensysteme nur unterlegene Kopien von US-Technik. Das setzt sich fort bis in viele Details: Beispielsweise vergisst Ramius, seine Mannschaft abzuzählen, bevor er sie in das amerikanisches Evakuierungsschiff entlässt. Wer weiß, wie oft in Ostblock-Armeen abgezählt wurde, wird dies leicht als extrem unwahrscheinlich erkennen.

Begeisterung für Krieg und Hightech-Waffen

Tom Clancy. Foto:  David Burnett

Tom Clancy. Foto: David Burnett

Ziemlich begeistert gibt sich Clancy hingegen für „seine Jungs“ – und dass die ständig nur darauf aus sind, die Russen zu provozieren und zu demütigen, deckt sich leider mit einer US-Mentalität, die sich in der realen Welt bis heute gehalten hat. Bei dieser Einstellung kann man wohl nur von Glück reden, dass der Kalte Krieg niemals in einem Weltkrieg mündete…

Fazit: Spannend, aber unsäglich militaristisch

Clancys Roman ist spannend geschrieben und in vielen taktischen und technischen Details auch interessant, keine Frage. Stilistisch und sprachlich hingegen hat es deutliche Schwächen. Ausser seinem Helden Ryan bleiben Clancys Romanakteure blass und kaum lebendig. Der US-zentrierte selbstverliebte und waffenvernarrte Grundton ist glücklicherweise in der Verfilmung im Jahr 1990 einer etwas nüchternen und faireren Nuancierung gewichen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Tom Clancy: „Jagd auf Roter Oktober“, (Original: USA 1984, aktuelle deutsche eBuch-Ausgabe als Kindle-Edition: neun Euro, Heyne-Verlag 2012, ISBN 3453189795, Leseprobe hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.