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Neuer Dresdner TU-Elektronikkomplex schlägt Bogen vom Gestern zum Morgen

Der Dresdner Globalfoundries-Chef Rutger Wiijburg schenkt der TU für den neuen Elektronikkomplex ein Ionen-Mikroskop - Halbleiter-Professor Johann W. Bartha freut sich wie verrückt. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Dresdner Globalfoundries-Chef Rutger Wiijburg (rechts) schenkt der TU für den neuen Elektronikkomplex ein Ionen-Mikroskop – Halbleiter-Professor Johann W. Bartha freut sich wie verrückt. Foto: Heiko Weckbrodt

Sachsen hat 42 Millionen Euro in Hartmann-Technikum und Forschungstrakt investiert

Dresden, 2. Dezember 2013: Damit die universitären Elektronikforscher nicht nur neidisch auf die exzellenten Anlagen und Instrumente ihrer Partner aus der Dresdner Chipindustrie schielen müssen, sondern auch selbst exzellent ausgerüstet tüfteln können, hat der Freistaat mit EU-Hilfe für insgesamt rund 42 Millionen Euro zwei neue Forschungsgebäude neben den Mierdel-Bau an der Nöthnitzer Straße gesetzt. Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) drückte heute die Schlüssel für die Neubauten den Wissenschaftlern der TU-Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik in die Hand. Und die tauften den größeren Komplex, das Reinraumlabor-Technikum, flugs nach dem Vater der ostdeutschen Mikroelektronik auf den Namen „Werner-Hartmann-Bau“.

Technologie-Forschungsmeile im Dresdner Süden wächst

So ähnlich wird der neue TU-Supercomputer der Petaflop-Liga aussehen, mit dem zum Beispiel neue Materialien, Medikamente und Fahrzeuge simuliert werden sollen. Foto: Dieter Both, Bull

Die TU baut derzeit in Nachbarschaft zum neuen Hartmann-Bau einen Supercomputer-Komplex der Petaflop-Liga. Foto: Dieter Both, Bull

„Durch die Neubauten und die vorhandenen Gebäude entwickelt sich die Nöthnitzer Straße immer mehr zu einer ,Technologie-Forschungsmeile’“, betonte von Schorlemer und verwies auf die benachbarten Physik-Institute der Max-Planck-Gesellschaft, das eist gemeinsam mit Qimonda gegründete „Namlab„, das nahe Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW), das neue Zentrum für fortgeschrittene Elektronik „cfaed“ im Barkhausen-Bau, die Informatik-Fakultät, den entstehenden Supercomputer-Komplex der TU – und natürlich den Mierdel-Bau, mit dem die beiden Neubauten nun eine Kette bilden.

Von Sanierung auf Neubauten umgeschwenkt

Ursprünglich hatte der Freistaat die bereits recht angegrauten Stammsitze der universitären Hightech-Studiengänge – den Mierdel- und den Barkhausen-Bau – nur sanieren wollen, sich aber dann doch für einen „großen Wurf“ entschieden, weil Geld vom EFRE-Fonds und das Bundes-Exzellenzprogramm winkten. Daher dockte der sächsische Staatsbetrieb für Bau- und Immobilienmanagement (SIB) direkt an den Mierdel-Bau für 9,5 Millionen Euro ein viergeschossiges Forschungsgebäude mit über 1100 Quadratmetern Nutzfläche an. Darin werden vor allem Labore und Versuchsräume des „Instituts für Halbleiter- und Mikrosystemtechnik“ (IHM) konzentriert.

„Quantensprung“: Globalfoundries spendiert Supi-Mikroskop

Für diesen Komplex spendierte Globalfoundries Dresden heute ein schrankwandgroßes Ionen- und Elektronen-Mikroskop aus seinem Chipwerk, das dort inzwischen durch ein neueres Modell ersetzt wurde. Damit können die TU-Forscher nun endlich auf 300-Millimeter-Siliziumscheiben (Wafern) bis in die kleinsten Strukturwelten von wenigen Nanometern vordringen. „Für uns ist das ein Quantensprung“, kommentierte entzückt Halbleiter-Professor Johann Bartha die Donation des Chipkonzerns.

Der neue Hartmann-Bau an der Nöthnitzer Straße beherbergt Reinraum-Labore. Foto: Heiko Weckbrodt

Der neue Hartmann-Bau in Lochkarten-Optik an der Nöthnitzer Straße beherbergt Reinraum-Labore. Foto: Heiko Weckbrodt

Reinraum-Labore hinter Lochkarten-Fassade

Von diesem neuen Trakt aus können die Forscher über eine Glasbrücke nun auch den neuen, rund 32 Millionen Euro teuren „Werner-Hartmann-Bau“ erreichen: Das Technikum schlägt nicht nur im Namen, sondern auch im Design den Bogen von einstiger Hochtechnologie hin zu den Forschungen für die Hightech von morgen: Der Dreigeschosser ist im Retro-Technikstil mit Lochkarten-Mustern verkleidet. Innen beherbergt er hochmoderne Reinraumlabore auf insgesamt 2000 Quadratmetern, zudem Besprechungsräume, Lager und Forscherbüros. Weil die installierten Anlagen und Instrumente so empfindlich sind, hocken beide Neubauten übrigens auf zwei Meter dicken Betonplatten, um Erschütterungen zu vermeiden.

Werner Hartmann – Vater der DDR-Mikroelektronik

Sachsens Forschungsministerin Sabine von Schorlemer und TU-Forschungsrektor Prof. Gerhard Rödel enthüllen die Namenstafel zu Ehren von Werner Hartmann. Foto: Heiko Weckbrodt

Sachsens Forschungsministerin Sabine von Schorlemer und TU-Forschungsrektor Prof. Gerhard Rödel enthüllen die Namenstafel zu Ehren von Werner Hartmann. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Dresdner Physiker Werner Hartmann (1912–1988), nach dem nun das neue Elektronik-Technikum der TU Dresden benannt wurde, gilt als Begründer der ostdeutschen Mikroelektronik. Als einer der ersten in Europa erkannte er die Rolle der integrierten Schaltkreise und gründete 1961 die Arbeitsstelle für Molekularelektronik, aus der später die zentrale Chip-Entwicklungsschmiede der DDR, das ZFTM (später: ZMD, heute ZMDi) wuchs. Hartmann selbst fiel nach dem Sturz des technologieverliebten SED-Chefs Walter Ulbricht politisch in Ungnade und wurde 1974 entlassen. Obwohl die SED 1976 wieder auf einen Mikroelektronik-Kurs umschwenkte, wurde Hartmann zeitlebens nie voll rehabilitiert.

Letztlich aber geht der Aufstieg Dresdens zum führenden Chipindustrie-Standort Europas auf Hartmanns Wirken zurück. „Gorbatschow hat gesagt: ,Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben’“, meinte seine Witwe Renée Hartmann heute bei der Taufe des „Werner-Hartmann-Baus“. „Manchmal bestraft es aber auch die, die zu früh kommen.“ Autor: Heiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

Vom Pionier zum Paria: Aufstieg und Fall des Dresdner Elektronikpioniers Werner Hartmann

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