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„Wir versuchen’s mit Napalm“:

Das Monster aus "Alien" bewacht die Pforte. Foto: Heiko Weckbrodt

Das Monster aus „Alien“ bewacht die Pforte. Foto: Heiko Weckbrodt

Ausstellung in Leipzig beleuchtet Science Fiction in Ost und West im ideologischen Kontext

Leipzig, 16. November 2013: Science Fiction, teils auch wissenschaftliche Phantastik genannt, spaltet seit jeher die Gemüter: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Und der Nimbus, literarisch eher von niederer Qualität zu sein, hing ihr seit jeher an. Dabei aber haben die „Nautilus“ von Jules Verne, die Zeitmaschine von H. G. Wells oder die „Enterprise“ aus den Star-Trek-Serien nicht nur Generationen von Jugendlichen zu einer Karriere als Ingenieur oder Forscher animiert, sondern auch die westliche Technologie-Entwicklung teils selbsterfüllend beeinflusst und auch großen Einfluss auf die Populärkultur gehabt – man denke nur an Steampunk.

Zugleich war Sci-Fi aber auch immer ein ideologisches Kind ihrer Zeit, selten reine Technikbegeisterung, sondern auch Spiegel zum Beispiel des Kalten Krieges, des Wettstreits von Kommunismus und Kapitalismus. In Leipzig beschäftigt sich eine Ausstellung derzeit ganz speziell mit „Science Fiction in Deutschland“ – und vor allem deren ideologischen Hintergründen und Fransen.

Von Perry Rhodan bis zum Sowjetcommander

Auf den ersten Blick bedient die Exposition im „Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig“ zuallererst die Schaugier nostalgischer Sci-Fi-Fans, wartet mit mannshohen „Alien“- und Darth-Vader-Figuren, mit Requisiten beispielsweise aus der westdeutschen TV-Serie „Raumschiff Orion“ und Perry-Rhodan-Heften auf.

Video von der Ausstellung (hw):

Doch die Ausstellungsmacher haben sich auch bemüht, den Zeitgeist der Sci-Fi-Produktionen, die ideologischen Details und Hintergründe zu beleuchten. Etwa die Entfremdungs- und Automatisierungsangst in der Weimarer Republik, die zur Maschinenmenschin Maria in Fritz Langs „Metropolis“ führten.

Reflex auf die Atmkriegsangst: Mutierte Monsterspinnen im US-Sci-Fi-Film. Foto: Heiko Weckbrodt

Reflex auf die Atmkriegsangst: Mutierte Monsterspinnen im US-Sci-Fi-Film. Foto: Heiko Weckbrodt

Dazu gehören auch die Atomkriegs-Hysterie und die Omnipotenz-Phantasien in den Gesellschaften der 1950er und 60er auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“, die sich in – heute grotesk wirkenden – Alien-Invasions- und Monsterfilmen in den USA und Japan spiegelten. Oder den ideologisch überfrachteten „Staub der Sterne“ aus DDR-Produktion, in deren Raumschiff natürlich ein Sowjetmensch das Kommando hatte.

Todesstern aus Lego und ein Kachelofen im All

Im zweiten Teil der Schau spielen dann Kommerzialisierung und Popkultur-Spuren von Sci-Fi-Klassikern wie „Enterprise“ oder „Star Wars“ (Darth Vader als Ur-Bösewicht) und die spätere Welle der Persiflagen (grandios: „Ijon Tichy – Raumpilot“ mit seinem Wohnzimmer-Raumschiff) eine größere Rolle.

Darth Vader: Der Erzbösewicht aus "Star Wars" wird immer wieder persifliert und auf kriegswütige Politiker projiziert. Foto: Heiko Weckbrodt

Darth Vader: Der Erzbösewicht aus „Star Wars“ wird immer wieder persifliert und auf kriegswütige Politiker projiziert. Foto: Heiko Weckbrodt

 

 

 

 

Kurz: „Science Fiction in Deutschland“ ist auch, aber nicht nur unterhaltsame Fanartikel-Schau, sondern auch ein gesellschaftskritischer Rückblick auf ein paar besonders groteske Blüten des Kalten Krieges und seiner Nachwehen. Für jeden Sci-Fi-Fan ein Muss, aber auch zeithistorisch interessant.

Autor: Heiko Weckbrodt

Science Fiction in Deutschland“, Ausstellung im „Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig“ (gehört zur Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik“), Grimmaische Straße 6, Leipzig, bis 12. Januar 2014 jeweils dienstags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist gratis. Da nahe am Innenstadt-Markt gelegen, sollte man entweder mit der Bahn anreisen (vom Hauptbahnhof Leipzig nur wenige Gehminuten gen Südwesten) oder das Auto auf einem der Parkplätze am Innenstadt-Ring versenken.

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