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Elektronikexperte warnt: Europa darf Vorlauf-Forschung nicht aus Augen verlieren

Prof. Gerhard Fettweis tüftelt in der Informatik-Fakultät der TU Dresden an der Nanoelektronik von übermorgen - nachdem er sich zuvor als LTE-Koryphäe ausgetobt hatte. Abb.: hw

Prof. Gerhard Fettweis tüftelt in der Informatik-Fakultät der TU Dresden an der Nanoelektronik von übermorgen – nachdem er sich zuvor als LTE-Koryphäe ausgetobt hatte. Abb.: hw

Fettweis: Mit Fokus auf schnelle Ergebnisse dackeln wir ewig Intel und Google hinterher

Dresden, 2. Oktober 2013: Mit Blick auf die geplante Neuausrichtung des Mikroelektronik-Standortes Dresden hin zu „intelligenteren Chips“ und das dafür geplante Nationale Fraunhofer-Leistungszentrum mit dem Fokus „More than Moore“ hat TU-Professor Gerhard Fettweis davor gewarnt, darüber Grundlagenforschung in der Nanoelektronik zu vernachlässigen.

Wegen des hohen Automatisierungsgrades wirkt der Globalfoundries-Reinraum nicht so wuselig wie andere Chipfabriken. Hier ein Blick auf die Lithografie, in der die Chipstrukturen auf den Wafern belichtet werden. Foto: Karin Raths, Globalfoundries Dresden

Globalfoundries-Reinraum in Dresden. Foto: Karin Raths, Globalfoundries Dresden

„Ein Ausbau der angewandten Forschung, wie sie Fraunhofer hier vorhat, ist gut und richtig“, betonte der Koordinator des Dresdner Exzellenzzentrums für fortgeschrittene Elektronik „cfaed“ im Vorfeld der Halbleitermesse „Semicon Europe“, zu der in der kommenden Woche rund 8000 Elektronikexperten aus aller Welt in der Dresdner Messe erwartet werden. „Aber wenn wir uns zu sehr darauf konzentrieren und langfristige Neuansätze aus den Augen verlieren, wird Deutschland niemals marktführende Unternehmen wie Intel, Facebook oder Google hervorbringen, werden wir immer nur der internationalen Entwicklung hinterherdackeln und nicht zu technologischer Führerschaft gelangen.“

Zwar sei es Dresden gelungen, in der Produktion von Computerchips zu einer der ersten Adressen in Europa aufzusteigen, argumentiert der Professor. Allerdings seien Staat und Wirtschaft hier wie auch in ganz Europa zu sehr auf Entwicklungsprojekte fixiert, die nach ein bis drei Jahren Früchte abwerfen. „Wir brauchen aber auch mutige Forschung und einen wissenschaftlichen Ingenieursgeist, der auch riskante Themen aufgreift, die über diesen Horizont hinausschauen.“

Exzellenzzentrum will Dresden in Top 10 führen

Diese Chance, in Europa ein Zentrum für ganz neuartige Elektronik-Ansätze zu generieren, biete sich am Standort Dresden: mit dem Ausbau der angewandten Forschung, wie sie das sächsische Wirtschaftsministerium und Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer jüngst avisierten, auf der einen Seite und dem Grundlagenforschungs-Netzwerk um das cfaed auf der anderen Seite.

Chemischer Nasstransistor am cfaed Dresden (Video: hw):


Das inzwischen mit über 100 Millionen Euro dotierte cfaed-Netzwerk will völlig neue Wege der Computer-Konstruktion beschreiten, unter anderem Flüssigchemie-Rechner, Chips aus Kohlenstoff und Nanoröhrchen und dergleichen mehr. „Unser Ziel ist es, dass Dresden in jedem dieser Pfade zu den Top 10 weltweit aufrückt“, sagt Fettweis. Erweise sich ein Neuansatz als Sackgasse, werde er verlassen und durch einen anderen Pfad ersetzt.

Cfaed-Partner mit Erfahrung: bisher rund 50 Ausgründungen

Zwar brauche Grundlagenforschung einen längeren Atem, bis sie sich in Steuer-Euros und Jobs direkt auszahle, räumte der Professor ein. „Aber wir haben in unserem Netzwerk Leute zusammengebracht, die viel Erfahrung mit der wirtschaftlichen Verwertung von Forschungsergebnissen haben“. Insgesamt hätten die cfaed-Partner in den vergangenen 15 Jahren rund 50 Firmen-Ausgründungen realisiert, die bis heute insgesamt über 1000 Jobs in und um Dresden geschaffen haben.

Digitale Assistenzen für selbstbestimmte Senioren

Die Dresdner Ausgründung "Exelonix" tüftelt an digitalen Alltags-Assistenten für Senioren. Foto: TUD

Die Dresdner Ausgründung „Exelonix“ tüftelt an digitalen Alltags-Assistenten für Senioren. Foto: TUD

Neben bekannten Erfolgsprojekten wie die Organikelektronik-Firma „Novaled“, die jungst von Samsung übernommen wurde, oder die Datenfunk-Spezialisten von „Blue Wonder“, die von Intel gekauft wurden, sind darunter auch ganz neue Ausgründungen, die Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen von morgen suchen. Ein Beispiel dafür ist die junge Firma Exelonix, die mit Tablettrechner-gestützten digitalen Assistenten für Senioren ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter in den eigenen vier Wänden sichern sollen.

Freilich gab es auch Rückschläge: „Printed Systems“ zum Beispiel wurde vor zehn Jahren von der TU Chemnitz ausgegründet, um gedruckte Papierelektronik in den Massenmarkt zu bringen. „Projektleiter Arved Hübler bekam das mit dem Elektronikdrucken auch sehr gut hin“, erzählt Fettweis. Die aufgedruckte Elektronik der Chemnitz erwies sich jedoch als zu lahm, um marktfähige Produkte zu ermöglichen.

Gedruckter MP3-Player im Visier

Inzwischen hat sich Prof. Hübler mit dem Dresdner cfaed-Partner Prof. Frank Ellinger zusammengetan, der sich im Rahmen des „FAST“-Projektes auf ultraschnelle Elektronik spezialisiert hat. Folge: Das Tempo der gedruckten Elektronik konnte verdoppelt werden, weitere Fortschritte sind absehbar. Mittlerweile können die Projektteilnehmer bereits Solarzellen, Batterien und Leiterbahnen auf hauchdünnen Papierschichten drucken. Ziel ist nun ein gedrucktes MP3-Musikgerät. „Es würde mich nicht wundern, wenn es in absehbarer Zeit zu einer Wiedergründung der Firma käme“, sagte Fettweis. Heiko Weckbrodt

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  1. Dresden hat definitiv die Player aus der Produktions-und Forschungswertschöpfungskette am Standort. Die „Leuchtturm-Politik“ der sächsischen Staatsregierung hat die Grundlagen gesetzt.

    Wenn nun noch die schnelle (begleitende) Umsetzung von Applikationen, Services und ergänzenden Produkten rund um die Forschungsthemen einsetzt und gefördert (bzw. ermöglicht wird) durch einen schnelleren Austausch von Ideen, Wissen und Umsetzungserfahrungen und der kontinuierlichen Verbesserung der Schritte in die Zukunft, ist es auch aus meiner Sicht der Erfolg von Silicon Saxony im Sinne eines europäischen Silicon Valleys nachhaltig umsetzbar.

    Gegenwärtig liegt nach wie vor der Schwerpunkt auf der Forschung, doch zeigt das Beispiel Novaled, dass durchaus Potential für mehr vorhanden ist (auch am Standort mit künftigen Erträgen für den Freistaat Sachsen und seine Wirtschaft und Bevölkerung).

    Die kommende #SEMICONEuropa ist ein beredtes Beispiel und ein Schaufenster, was wirklich machbar ist, wenn sich die unterschiedlichen Player über Disziplin- und Clustergrenzen zusammentun (von den ganz Großen zu den ganz Frischen, die möglicherweise gar nicht direkt mit Mikroelektronik in Verbindung gebracht werden.

    Möge der Wettbewerb für die Zukunft starten und das Ziel #Abundance sein

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