News, Wirtschaft, Wirtschaftspolitik
Kommentare 1

Kurswechsel in Sachsens Mikroelektronik-Politik

Polieranlage bei Infineon Dresden - das Unternehmen hat sich vom Wackelkandidaten wieder zum Vorzeigebetrieb entwickelt. Abb.: Infineon

Polieranlage bei Infineon Dresden – der Chiphersteller konzentriert sich auf das „More than Moore“-Konzept . Abb.: Infineon

1,7 Milliarden Euro teures Programm soll Dresdner Chipindustrie auf intelligentere Chips eichen

Dresden, 26. September 2013: Sachsen richtet seine Mikroelektronik-Politik neu aus. In diesem Zuge ist ein aus Landesmitteln mitfinanziertes Investitions- und Förderprogramm für intelligentere Computerchips geplant, aus dem in den kommenden Jahren aus öffentlichen und privaten Quellen bis zu 1,6 Milliarden Euro in neue Pilotlinien, Anlagenausrüstungen und Forschungsprojekte für neuartige komplexe Nanoelektronik fließen sollen. Das hat der sächsische Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) angekündigt.

Fraunhofer soll Forschungs-Part andocken

Die Reinraumfabrik des Instituts ist für Prototypen und Kleinserien ausgelegt. Abb.: IPMS

Blick in einen Fraunhofer-Reinraum in Dresden, wo auch MEMS hergestellt werden. Abb.: IPMS

Dieses Programm ist im Zusammenhang mit dem neuen Konzept der Fraunhofer-Gesellschaft zu sehen, deutschlandweit zehn Nationale Leistungszentren für Schlüsseltechnologien aufzubauen. Dabei soll auch ein Mikroelektronik-Zentrum in Dresden entstehen, das sich um die industrienahe Entwicklung solcher „intelligenteren Chips“ kümmert. Rechnet man diese Projekte mit ein, könnte sich für die Mikroelektronik in und um Dresden in Summe eine Investitionsspritze von über 1,7 Milliarden Euro ergeben.

Wyman-Gutachten: Dresden kaum noch als führender Halbleiter-Standort wahrgenommen

Hintergrund: In den 1990er Jahren hatte der Freistaat vor allem die Ansiedlung von großen Halbleiter-Unternehmen wie Infineon und AMD gefördert, die immer schnellere Speicherchips und Prozessoren in immer kleineren Strukturen herstellen („More Moore“-Ansatz, benannt nach Intel-Mitgründer Gordon Moore). Vor allem nach der Qimonda-Pleite fiel Dresden in diesem Sektor aber zurück. Auch der Landesregierung wurde bange um den Ruf des Mikroelektronik-Standortes Dresden. Sie holte ein Gutachten des Marktanalyse-Unternehmens „Oliver Wyman“ ein. Ergebnis der Ende 2011 vorgelegten Expertise: Sachsen werde international kaum noch als führender Halbleiter-Standort wahrgenommen, es fehle zudem ein klares Profil.

„More than Moore“: Fokus auf MEMS und Organikchips

Daher will die Landesregierung ihre Förderpolitik künftig in hohem Maße auf das „More than Moore“-Konzept konzentrieren: Chips, die neben digitalen Rechenwerken und Speichern auch Sensoren, Kreiselkompasse, Spiegel, mechanische und andere Bauelemente enthalten und dadurch komplexere Aufgaben lösen können. Als „Mikroelektromechanische Systeme“ (MEMS) wird solche Elektronik in steigendem Maße beispielsweise in Computertelefonen wie dem iPhone, aber auch in modernen automobilen und Werkzeugmaschinen eingesetzt. Dazu gehört aber die noch junge organische Elektronik und Photovoltaik.

MEMS-Sensoren sorgen in Smartphones zum Beispiel dafür, das der Bilschirm automatisch vom Hoch- ins Querformat wechselt. Foto: Bosch

Auch Bosch hat in Dresden inzwischen ein MEMS-Entwicklungszentrum etabliert. Foto: Bosch

Für diesen „More than Moore“-Ansatz hat das „Silicon Saxony“ in der jüngsten Vergangenheit bereits einiges Know-How angehäuft: Durch die Neuausrichtung bei Infineon auf Logik-, Sicherheits– und Automobil-Chips, durch zahlreiche Fraunhofer-Projekte, das veränderte Profil der von „X-Fab“ übernommenen ZMD-Chipfabrik, die Ansiedlung des MEMS-Entwicklungszentrum von Bosch und viele Aktivitäten auch kleinerer Elektronik-Hersteller und -Zulieferer.

Hinzu kommt das Organikelektronik-Cluster mit Firmen wie Novaled, Heliatek und Plastic Logic oder Forschungszentren wie das Fraunhofer-Comedd. Das hat zwar bisher die einst hochgesteckten Erwartungen in wirtschaftliche Erfolge und Jobs eher verfehlt, gilt aber forschungsseitig als international mit führend.

EU-Milliarden winken – Land will nun Bundesanteil teils selbst zahlen

Um diese Neuprofilierung des Standorts voranzutreiben, will Morlok ein insgesamt 4,8 Milliarden Euro schweres EU-Programm anzapfen. Brüssel erwartet, dass die Hälfte dieser Summe von der Privatwirtschaft kommt. Die andere Hälfte sollen Fördergelder sein, in die sich wiederum EU und Mitgliedsstaaten hineinteilen. Alle Versuche der Sachsen, den Bund zu dieser Kofinanzierung zu überreden, blieben bisher aber weitgehend erfolglos. „Wir mussten erkennen, dass es uns ohne signifikanten eigenen Finanzierungsanteil nicht gelingen wird, den Bund mit ins Boot zu holen“, räumte Morlok ein.

Revieraufteilung zwischen Dresden, Löwen und Grenoble

Der Umstieg der europäischen Chipindustrie von 300 mm großen (hier im Foto) auf 450-mm-Wafer dürfte eine große Herausforderung werden. Abb.: IMEC

im belgischen IMEC wird bereits der Umstieg der europäischen Chipindustrie von 300 mm großen (hier im Foto) auf 450-mm-Wafer vorbereitet. Abb.: IMEC

Sein Konzept nun: Sachsen überlässt je ein Drittel des EU-Programms von vornherein den anderen beiden großen europäischen Mikroelektronik-Standorten, die sich auf den Umstieg auf 450-Millimeter-Scheiben (IMEC im belgischen Löwen) und den Schwerpunkt „More Moore“ (Grenoble/Frankreich) fokussieren. Daher will der Minister alle bisherigen sächsischen Versuche, eine Chipfabrik-Pilotlinie mit neuartigen, 450 Millimeter großen Chip-Scheiben für Dresden zu angeln, nur noch auf Sparflamme weiterköcheln lassen.

Für das „Intelligentere Chips“-Programm in Sachsen blieben rechnerisch 1,6 Milliarden Euro. Davon zahlt die Hälfte die Industrie ein, 400 Millionen die EU, Sachsen einen „dreistelligen Millionenbetrag“, der Bund den Rest. Ausgezahlt würde der Großteil der Gelder ab 2015. Eine entsprechende Kabinettsvorlage wolle er in den nächsten Wochen einbringen, kündigte Morlok an.

Sven Morlok. Abb.: sachsen.de

Sven Morlok. Abb.: sachsen.de

Wirtschaftsminister. Chipstandort droht Abwärtsspirale

„Wenn wir nichts unternehmen, besteht das Risiko, dass wir den Mikroelektronik-Standort Sachsen nicht in der bisherigen Form und Größe halten können“, wirbt der Wirtschaftsminister nun um Unterstützung. „Wir versprechen uns von diesem Programm aber nicht nur Bestandssicherung, sondern mittel- und langfristig auch neue Arbeitsplätze, neue Ansiedlungen.“ Heiko Weckbrodt

1 Kommentare

  1. Ein mutiger Schritt nach vorn. Welche nachhaltigen ökonomischen Effekte wird die Erweiterung der Forschung in Sachsens Mikroelektronik haben, wenn das „echte“ Geld (Wertschöpfung) mit den darauf aufbauenden Produkten, Dienstleistungen und Innovationen in anderen Regionen Deutschlands, Europas und der Welt geschaffen werden?

    Der Aufbau von multi-disziplinären Netzwerken, die Stakeholder aus der gesamten Wertschöpfungskette (bis zum Endkunden hin) nach Sachsen bringen kann den Weg nach vorne beschleunigen.

    Startup und Entrepreneurship Kultur in Sachsen befördern (nicht nur finanziell) kann den entsprechenden Zusatzbeschleuniger bringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.