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Kurzgeschichte: „Für die Ewigkeit“

Abb.: BStU

Abb.: BStU

I – Die Höhle

„Das ist ein großer Tag für die Menschheit. Wir haben uns heute hier versammelt…“ Nein, zu förmlich. Der Doktor biss sich auf die Unterlippe. In Gedanken feilte er, während er Keramik auf Keramik stapelte, weiter am Script. Vielleicht: „Begleiten Sie mich auf eine Reise durch die Zeit!“ Nein, das klang nach PR-Geschwafel, das mochte die Presse gar nicht. Verdammt, mussten die Platten so schwer sein?

Jeder 3. Arbeitnehmer greift per Tablet, Computertelefon oder Heim-PC von außen auf Unternehmensdaten zu. Foto: Bitkom

Foto: Bitkom

„Plengggg“, hallte es von den Höhlenwänden. Assistent B. lag auf dem Boden, zappelte, um den kostbaren Packen zu retten. Der Doktor sah weiße Scherben. Jetzt ins Labor zurück, eine halbe Stunde lang den Laser anstarren, bis der fertig war, und dann mit der Ersatzkachel schnell in die Brennerei, während die Fotografen mit jeder Minute mehr das Interesse verloren? Keine Zeit. Er hatte jetzt wirklich nicht den Nerv, sich darum zu kümmern. „Wenn eine kaputt gegangen ist, leg die Scherben einfach zusammen und auf den Stapel, das merkt eh keiner. Und pass bitte besser auf.“ Ein paar blöde Kiesel auf dem Boden und Zack – ist die Arbeit von Monaten dahin, dachte der Doktor verärgert. Von Monaten? Von Jahren! Der Assistent guckte schuldbewusst und rappelte sich auf. Der Doktor konzentrierte sich wieder. „Ein großer Tag für die Menschheit…“

 

II – Der Schatz der Alten

Heiß wird es heute, sehr heiß, dachte Kormak, legte seinen Kopf in den Nacken und blinzelte in den Feuerball am Himmel. Kurz nur, dann schmerzten seine Augen. Er spürte, wie der Bogen auf der Schulter kniff und rückte ihn gerade. „Weiter!“ Olber nickte stumm – sein Freund machte selten viele Worte. Wenn sie die Höhle vor der Mittagshitze erreichen wollten, durften sie nicht trödeln, das wussten beide. Und sie mussten noch einen großen Bogen laufen. Sie mussten den Trichter des Todes umgehen, der auf ihrem Weg lag und jeden krank machte, der ihn je betrat. Kormak konnte sich noch gut an die kleine Preta erinnern, die dort gespielt hatte. Ein lustiges, junges Ding war sie gewesen – bis sie von dort zurückkam. Nach einer Woche sah sie aus wie um viele Sonnen gealtert, nach der zweiten hatte sie keine Haare mehr und nach der dritten war sie tot.

Irgendwann auf ihrem Marsch zeichnete sich eine Herde Gazellen am Horizont ab. Doch die beiden Männer hielten den Laufschritt. Heute war kein guter Tag zum Jagen. Später wurde das Gras uneben, die verbrannte Steppe hüglig. Sie näherten sich die Zone der Alten, wurde Kormak klar. Ihr eigenes Dorf lag jetzt bestimmt schon einen halben Tagesmarsch hinter ihnen. Sie waren gut vorangekommen. Kein Wolf hatte ihren Weg gekreuzt und die Prek-Feinde hatten sich auch nicht blicken lassen. ,Gut so’, dachte Kormak, ,sollen sie bleiben, wo der Tesch wächst’.

Sträucher kamen in Sicht, aus Sträuchern wurden Bäumen und aus Bäumen ein Wald, so dicht, dass die Jäger langsamer gehen mussten. Kormak stolperte. Er musterte den spitzen Stein, der aus dem dichten Unterholz ragte: Ein Kunststein vom Pfad der Alten, zerbrochen zwar, aber ganz sicher nicht von Mutter Nulea geschaffen.

Was sich die Mächtigen dabei bloß gedacht hatten? Kormak schüttelte den Kopf. Viele Wunder der fernen Vorfahren hatte er schon auf seinen Jagden gesehen: Hütten so hoch wie der Himmel, zerschmettert zwar von der Wut Nukleas, aber immer noch gigantisch. Eine Riesenlibelle mit harten, und doch zerbrochenen Flügeln, die im Gras ein paar Dutzend Steinwürfe hinter der Dorfweide lag, seit Kormok zurückdenken konnte – als Kind hatte er darin gespielt. Einmal hatte er sich in eine der großen Zonen der Alten verirrt, in denen es Zauberwände gab, durch die man durchgucken konnte, Hütten aus glattem Stein voller glänzend roter Schlangen, die sich aus Dingen herauswanden, von denen Kormok nicht einmal raten konnte, was sie sein sollten. Die Schamanin im Dorfe behauptete, die Alten seien dem Bösen verfallen gewesen und wären von der göttlichen Nuklea zur Strafe zu Staub verbrannt worden und Olber hatte ihr Recht gegeben. Doch Kormak war sich da nicht so sicher.

Abb.: hw

Abb.: hw

Als sie den dunklen Schlund zwischen den Ranken am Berg entdeckten, wusste der Jäger sofort, dass der Junge recht gehabt hatte, der im Dorfe von einem Schatztempel der Alten erzählt hatte. Ein runder Propfen, so groß, dass ihn Kormak mit ausgestreckten Armen nicht umfassen konnte, ragte verdreht aus dem Boden von der Höhle. Dem Maul entrissen durch Nukleas Zorn, würde jetzt wohl die Schamanin behaupten, aber der Jäger tippte auf den Zorn der Erde, die in letzter Zeit so oft zitterte und die Hütten im Dorf beben ließ. Als Ober mit einem Stein durch den roten Brösel ritzte und darunter das weiß glänzende Hartzeugs der Alten leuchtete, schauten sich die beiden Männer triumphierend an.

Der Boden war glatt, wie es auf den Pfaden und in den Hütten der Alten üblich war, wenn sich das Gras noch nicht hindurchgestoßen hatte. Nach ein paar Dutzend Schritten änderte sich der Widerhall der Wände – sie hatten das Innere der Höhle erreicht. Die Fackel in Obers Hand zerrte seltsame Kisten und Zeichen aus der Düsternis, die Decke war kaum zu erahnen. Der Tempel musste riesig sein. Plötzlich spiegelte sich der Widerschein der Flammen im Zentrum der Höhle, zurückgeworfen von aufgestapelten weißen Steinen. Die Stapel reichten den Männer bis zur Hüfte, unzählige davon reihten sich aneinander. Ober griff sich eine der weißglänzenden Platten, drehte sie um und um und um. „Dreck“, brüllte er und stieß mit dem Fuß gegen einen Stapel, so dass der umkippte und die Platten mit lautem Klirren zerschellten. „Und dafür sind wir einen halben Tag gelaufen? Für ein paar Steine?“

Kormak wusste, warum Ober so verärgert war: Manchmal entdeckte man in den Zonen der Alten Sachen, aus denen man harte Pfeile bauen konnte, viel besser als die der Prek-Feinde. Oder man fand Messer, mit denen man selbst das zäheste Fleisch wie weiche Erde schneiden konnte. „Kaputt sind sie auch“, hob Ober anklagend eine der Platten und schob Kormaks Hand über die Oberfläche. Ja, da war etwas. Kleine Dellen, ganz rau fühlte sich die kühle Platte an. Er drückte Obers Fackel darüber: Wenn man genau draufschaute, konnten dies die magischen Zeichen der Alten sein, die er schon an deren Hütten gesehen hatte – nur viel kleiner. „Nettes Muster“, sagte Kormak. „Nimm ein paar mit: Wenn Du die an deine Hütte machst, wird sie die hübschste im Dorfe und dein Weib hört auf zu maulen wegen der Löcher, durch die der Regen durchschwappt.“

Ober nickte missmutig, packte sich aber tatsächlich ein paar der glänzenden Steine ein. Kormak fiel eine andere Platte ins Auge, viel größer als die anderen, schwarz und glattgeschliffen, kaum dicker als ein Tesch-Blatt. Als der mit dem Finger darüber strich, erschienen wie aus dem Nichts lustige Bilder. Magie der Alten! Kormak hielt den Atem an und schaute zu Ober herüber. Doch der hatte nichts gemerkt, war beschäftigt, seine Beute in der Schultertasche zu verstauen. Kormak tippte mit dem Finger eines der Bilder an – und mit einem mal erklang in der Höhle eine Musik, soviel schöner und feiner als die der Rombo-Trommler im Dorfe. Böse hörte sich das überhaupt nicht an, eher… bedeutsam.

Ober war erschrocken auf die Knie gefallen, hatte dabei seine ganze Beute zerschmettert und musste sich neue Steine einpacken, die er am folgenden Abend mit einem dämlich triumphierenden Grinsen mit Lehm an seine Hütte pappte, während sein Weib im ganzen Dorf umherlief und jedem, der es hören wollte oder nicht hören wollte, erzählte, was für ein furchtloser Krieger ihr Ober sei, der den Alten gegen Scharen von Monstern die magischen Platten entwunden hatte. Kormak dagegen hatte nur die wundersame schwarze Platte nach Hause getragen. Aber bald war sie gestorben. Und soviel er auch mit den Fingern darüber strich, um die Magie der Alten den anderen zu zeigen: Die Bilder zeigten sich nicht mehr und der musizierende Kobold darinnen blieb stumm…

 

III – Für die Nachwelt

Foto: hw

Foto: hw

„So, die letzte.“ Der Assistent strich sanft über das glatte Material der finalen Kachel. Der Doktor lächelte, merkte, wie all die Spannung wegfloss. Sein Blick wanderte triumphierend über 251 hüfthohe Stapel zinkweißer Stapel: 5000 Jahre Menschheitsgeschichte. Vorbei die Klinkenputzerei bei Stiftungen, die Betteleien beim Dekan um mehr Projektmittel.

Fünf Jahre hatte es gedauert, all die Texte und Bilder vom Gilgamesch-Epos bis zur den UN-Protokollen zu sammeln. Noch mal so lange, die Laser im Labor dahin zu bringen, das gesamte Kulturgut der Schriftgeschichte abertausendfach verkleinert auf diese Kacheln zu prägen. Eine Woche, um all dies in das alte Salzbergwerk tief unter die Erde zu wuchten. Bewahrt für die Ewigkeit auf harter Keramik, nicht auf Festplatten oder Blurays, die schon in 100 Jahren keiner mehr würde lesen können. ,Mein Werk’, dachte der Doktor. ,Mein Vermächtnis für die Nachwelt.“ Noch in 1000 Jahren würde man sich an seinen Namen erinnern. An den, der das Wissen der Menschheit für immer konserviert hatte.

Mit den Fingerspitzen spürte er die Gravuren auf einer Kachel nach: Winzige Hügel und Täler, für die Haut kaum von einer kleinen Unrauheit zu entscheiden –geballtes Wissen. Das war etwas. Das hatte… der Doktor suchte nach dem rechten Wort. Ja: Bedeutung. Er schaute auf die Zählprägung. „Kachel 7218?“ Der Assistent entriegelte sein iPad, wischte hin und her. „Die Ode an die Freude.“ Der Doktor nickte. „Es wird Zeit.“

Der Assistent legte sein Tablet auf den letzten Stapel und griff sich den Torversiegler. „Klickklick-klickklicklick“, blendete sie das Blitzlicht-Gewitter der Pressemeute, als sie die Stahltür hinter sich schlossen. „Ein großer Tag für die Menschheit…“, hob der Doktor an. Heiko Weckbrodt

PS: Angeregt wurde diese Geschichte durch einen Bericht in den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ (14./15. September 2013, Journal, S. 2: „Archiv für die Ewigkeit). Darin wurde über ein ähnliches Projekt in Österreich berichtet, gesamte Menschheits-Wissen auf Keramik zu bannen und in einem alten Salzbergwerk zu lagern.

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