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„Washington-Dekret“: Arg konstruiertes Frühwerk von Adler Olsen

Fotos: US-Regierung, Public Domain, Wikipedia. Montage: hw

Fotos: US-Regierung, Public Domain, Wikipedia. Montage: hw

Politthriller um Militärdiktatur in USA nachträglich übersetzt

Nachdem der Däne Jussi Adler-Olsen mit seinen spannenden „Dezernat Q“-Krimis wie „Erbarmen“ oder „Verachtung“ große Erfolge feierte, hat der dtv-Verlag inzwischen auch seine früheren Romane ins Deutsche übersetzen lassen. Nach dem „Alphabethaus“ um ein Irrenhaus im Deutschland der Nazi-Zeit ist im Zuge dieser nachträglichen Verwertung nun das „Washington-Dekret“ auf Deutsch erschienen. Darin entwirft der Däne ein „Was wäre wenn…?“-Szenario: Ein Senator namens Jansen erobert sich mit seinem Charme die Herzen der Amerikaner, wird zum Präsident gewählt – doch kaum ins Weiße Haus eingezogen, streift er die gemäßigten Parolen seines Wahlkampfs ab und errichtet per präsidialen Dekreten eine Militärdiktatur in den USA. Bald wagen sich ihm nur noch wenige zu widersetzen, darunter seine Ex-Wahlkämpferin Doggie…

Ähnlich wie das „Alphabethaus“ hinterlässt das „Washington-Dekret“ beim Leser einen zwiespältigen Eindruck: An vielen Stellen blitzt bereits der Meisterschreiber durch. Doch die raffinierte und stilsichere Erzählstruktur, die „Erbarmen“ & Co. so besonders und drückend wirken lässt, fehlt hier noch etwas – was wohl daran liegen mag, dass Adler-Olsen in beiden Frühwerken fiktional in Länder operiert, die er eben nicht so genau kennt wie seine Heimat Dänemark.

Video-Interview mit Adler-Olsen über das Washington-Dekret (Englisch, dtv):

Meistererzähler blitzt noch selten durch

Gerade das „Washington-Dekret“ liest sich daher noch über weite Strecken wie nach dem Muster solcher Mainstream-Autoren wie Dan Brown oder Ken Follet gestrickt: spannend, aber etwas oberflächlich und (besonders bei Brown) wenig präzise vorrecherchiert. Das macht diesen Polit-Thriller sicher auch zu einem kurzweiligen „Page Turner“, dessen Seiten der Leser gespannt durchfrisst, doch die Sogwirkung der Carl-Mørck-Krimis fehlt noch. Zudem wirkt das „Washignton-Dekret“ arg konstruiert, was einer „Was wäre wenn…“-Geschichte nicht gut tut. Oder wie wahrscheinlich ist es, dass es solch einem Präsident wie Jansen mit Dekreten und ohne militärisches Kontaktnetzwerk gelingen sollte, die USA binnen Wochen durch eine militärgestützte Junta zu regieren?

Foto: dtv

Foto: dtv

Fazit:

Am nachträglich bei uns erschienenen „Washington-Dekret“ kann man gut sehen, wie Adler-Olsen stilistisch und erzählerisch inzwischen gewachsen ist. Sicher ein spannender Politthriller, den man sich schon mal reinziehen kann, doch kein Meisterwerk. Dass der dtv dafür einen Preis wie für einen neuen Carl Mørck verlangt, ist etwas unangemessen. Da freu ich mich doch mehr auf „Erwartung“, dass Mitte September auf Deutsch erscheinen soll. Heiko Weckbrodt

Jussi Adler-Olsen: „Das Washington-Dekret“ (dtv), Original: 2006, dt. Ausgabe: dtv München 2013, eBook-Ausgabe: 16 Euro, ISBN 3-423-28020-4 (gebundene Papierausgabe: 20 Euro). Leseprobe: hier

Zum Weiterlesen:

Das „Alphabethaus“: Gefangen in der Nazi-Klapse

Rassenwahn-Thriller „Verachtung“

Adler-Olsen hebt eBook-Ausgabe auf

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