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Mitchell spannt in „Ghostwritten“ Weltnetz aus Mao, KI und mongolischer Stasi

Zwischen Jurte und Orbit. In einer Episode von "Ghostwritten" übernimmt eine KI alle Satelliten, um den "Zoo Erde" vor sich selbst zu beschützen. Foto: NASA

Zwischen Jurte und Orbit. In einer Episode von „Ghostwritten“ übernimmt eine KI alle Satelliten, um den „Zoo Erde“ vor sich selbst zu beschützen. Foto: NASA

Ein köperloses Wesen erwacht Mitte des 20. Jahrhunderts am Fuße des heiligen Berges im Westen Chinas. „Wer bin ich?“, fragt sich der Geist. „Bin ich allein auf der Welt?“ Und: „Warum steckte ich in einem Menschen fest?“ Das Wesen erkennt, dass es von Mensch zu Mensch springen, deren Erinnerungen sehen, deren Wege leiten kann. Der „Non-Corpus“ nistet in einer alten Teeverkäuferin, in Pilgermönchen, in einem mongolischen KGB-Killer, in einem neugeborenen Mädchen. Eine Suche über Jahre, tausende Kilometer und Hunderte Wirte beginnt, nach der Wurzeln der frühesten und einzigen Erinnerung des Geistes, der „Geschichte von den Dreien, die über das Schicksal der Welt sinnieren“…

Domino-Prinzip bereits in Mitchells Erstlingswerk

Mit „Ghostwritten“ (deutsch: „Chaos“) begründete der britische Autor David Mitchell 1999 seinen internationales Renommée als Meister der verschachtelten Geschichten, das er später in „Cloud Atlas“ („Der Wolkenatlas“) verfeinerte. Bereits in seinem Erstling baut er erzählerisch rund um den Erdball Akteure wie Domino-Steine auf, die auf den ersten Blick nicht entfernter voneinander und unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch, einmal angestoßen, Kettenreaktionen auslösen:

Einmal um den Erdball

Die geistbesessene Teeverkäuferin in Westchina gebiert eine Tochter, deren Enkelin bereichert sich als Hausmädchen bei einem Finanzanwalt in Hongkong, dessen schmutzige Transaktionen auffliegen und dadurch auf der anderen Seite der Welt in London einen Ghostwriter um den Broterwerb bringen. Der rettet eine irische Quantenphysikerin vor einem Taxiunfall, sie wiederum in den USA die erste künstliche Intelligenz erschafft, die endlich den bösartigen Widerpart unseres körperlosen Wesens zur Strecke bringt, die einst den Führer der japanischen Om-Sekte beherrschte, deren mörderischer Jünger Quasar Anfang und Ende ist.

 

Schallplattenverkäufer Satoru: „In Tokyo musst Du Dir deinen Raum in deinem Kopf erschaffen.“

 

David Mitchell. Abb.: PR

David Mitchell. Abb.: PR

Noch leichte Eleganzmängel

Man merkt es der ersten Lang-Erzählung Mitchells zwar an, dass ihr noch etwas die spielerische Eleganz und stilistische Raffinesse des späteren „Cloud Atlas“ oder seiner „1000 Herbste des Jacob de Zoet“ fehlt, dazu wirken manche Passagen noch etwas plakativ anklagend. Auch kommen seine einzelnen Erzählungen stets recht langsam in Fahrt. Auch lässt er den Leser jeweils oft lange im Unklaren über Person und Richtung der Story – bis dahin, dass wir teils erst nach vielen Seiten zum Beispiel erfahren: Aha, hier ist der Akteur eine Frau oder hier reden wir von einem Geist – was sicher stilistisch interessant ist, aber den Lesefluss ausbremst.

Epischer Anstrich wie später im „Cloud Atlas“

Doch bereits hier jongliert der Brite faszinierend mit der Grundidee „Alles ist mit allem verbunden“, experimentiert (in der englischen Originalausgabe) mit Sprache, verschachtelt und verschränkt weitgehend bruchlos Geschichten in Geschichten, was schon „Ghostwritten“ den epischen Anstrich einer Welterzählung gibt.

Abb.: Amazon

Abb.: Amazon

Fazit:

Ein David-Mitchell-Buch liest man mit den hohen Erwartungen und da muss man rückblickend einräumen, dass in seinem Premierenwerk, dass ich erst nach „Cloud Atlas“ und „Die 1000 Herbste…“ gelesen hat, an ein paar Stellen für den Genießer noch etwas Feinschliff fehlte. In der Summe aber eine absolut faszinierende Lektüre voller Fabulierlust. Heiko Weckbrodt

„Ghostwritten“ (dt.: „Chaos“), London 1999 (dt. Ausgabe: Rowohlt 2004), engl. Kindle-Ausgabe: 7 Euro, ISBN 978-0340739754 (als eBuch auf Deutsch nicht verfügbar), Leseprobe hier

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