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„Die Tausend Herbste…“: Ehre und Schrecken im Gefängnis Japan

Abb.: Amazon

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Raffiniertes Intrigenspiel der Edo-Zeit von „Wolkematlas“-Autor David Mitchell

Orito Aibagawa: „Der menschliche Verstand ist ein Webstuhl, der unterschiedliche Fäden aus Glauben, Erinnerung und Erzählungen in ein Ganzes verknüpft, das wir gewöhnlich ,Ich’ nennen.“ (in: David Mitchell: „Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet“)

Der Brite David Mitchell ist ein Virtuose dieses Individualität kreierenden Webstuhls, wie wir erst jüngst in der Verfilmung seines „Wolkenatlas“ auf der Kinoleinwand sehen konnten, wo das das Webschiffchen seiner Fabulierlust rasant zwischen Epochen und Erzählebenen hin und her flog und sie zu einer Weltgeschichte verflochten hat. Auf solche Zeitreisen verzichtet Mitchell in seinem jüngsten Roman „Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet“ zwar, verschachtelt darin aber wieder nach dem Matroschka-Prinzip Story in Story, um das zu spiegeln, was menschliche Entscheidungen, was Leben ausmacht: Komplexität.

Interkulturelle Liebe in Zeiten der Raffgier

David Mitchell. Abb.: PR

David Mitchell. Abb.: PR

Mitchell wirft uns hier in die Zeit um 1800, in ein Japan an der Bruchstelle zwischen Tradition und Moderne. In die Zeit der großen Abschottung, als das Reich der aufgehenden Sonne die Ein- und Ausreise von Japanern wie Ausländern verbot, als der Shogun nur eine einzige Handelsniederlassung der Niederländischen Ostindischen Kompanie auf der künstlichen Halbinsel Dejima vor Nagasaki erlaubte – ein Gefängnis, eine Brutstätte neuer Ideen, ein Ort von Korruption und Raffgier. Dorthin verschlägt es den jungen Seeländer Jacob de Zoet, der zunächst nur eine Handelsaison lang bleiben will, um den Reichtum zu erlangen, den sein niederländischer Schwiegervater in spe für die Hand seiner Tochter fordert. Doch der junge Handelsangestellte verliebt sich in die junge Japanerin Orito Aibagawa, taucht immer tiefer ein in eine fremde, faszinierende Kulturwelt – und stößt schließlich auf ein schreckliches Geheimnis.

Video mit Eindrücken von Rohwolt-Mitarbeitern (Rohwolt):

Nach oben knien, nach unten treten

Und das blieb über Jahrzehnte nur durch das hierarchische Kastensystem der Edo-Zeit unentdeckt, das sich eigentlich schon längst überlebt hat, wie viele aufgeschlossene Japaner bereits erkannt haben, aber nicht auszusprechen wagen. Ein System, in dem sich Daimyo-Fürsten und Samurai für so unantastbar halten, dass sie weit jenseits von Recht und Gerechtigkeit agieren – das aber auch durch die Unterdrückten selbst wie selbstverständlich gestützt wird, indem sie nach oben knien und nach unten treten. Womit wir wieder bei einem Grundthema Mitchells wären, dem er schon im „Wolkenatlas“ nachspürte – man denke nur an die Unterdrückung von Ureinwohnern durch Maori, die wiederum durch die Europäer gedemütigt werden.

Zeichnung der künstlichen Halbinsel Dejima in Nagasaki um 1800. Abb. aus: "Die 1000 Herbste..."

Zeichnung der künstlichen Halbinsel Dejima in Nagasaki um 1800. Abb. aus: „Die 1000 Herbste…“

Fazit:

Es ist nicht allein die ungeschönte Dekonstruktion dieser Mechanismen, die Berührung mit der ganz eigenen japanischen Kultur aus Kastendenken und Ehre, die die „Tausend Herbste“ mit jedem Kapitel immer faszinierender machen, sondern eben auch die raffinierte Erzählstruktur und Stilistik dieses Romans: Mitchel, so muss man neidvoll anerkennen, ist eben auch ein Meister der Sprache. Dadurch ist dies eben auch kein Historienschinken geworden, der allein von Exotik lebt, sondern eine Sektion menschlicher Beweggründe – spannend und raffiniert erzählerisch geschliffen. Heiko Weckbrodt

David Mitchell: „Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet“ (Sceptre-Verlag 2010), Roman, Kindle-Edition (nur in Englisch verfügbar): 5,70 Euro bei Amazon, ASIN: B003MVZP3Q, deutsche Papierausgabe: Rowohlt-Verlag 2012, 20 Euro, ISBN 978-3498045180, Leseprobe hier

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