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Russen interessieren sich für Dresdner Superbus

Außenaufnahme der 30 Meter langen Autotram. Abb.: IVI

Außenaufnahme der über 30 Meter langen Autotram. Abb.: IVI

Fraunhofer-Institut IVI zeigt zum Architekturtag neues Technikum und Autotram

Dresden, 24. Juni 2013: Das Dresdner Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI) hat im Dresdner Süden für 3,4 Millionen Euro ein neues Technikum und ein Testoval für innovative Hybrid- und Elektrofahrzeuge errichtet und will beide Projekte am Samstagnachmittag zum Tag der Architektur den Dresdnern vorführen. Dort soll unter anderem der wohl weltweit längste und innovativste Bus gezeigt werden. Und an dieser „Autotram Extra Grand“ haben Verkehrsunternehmen aus dem In- und Ausland wachsendes Interesse, teilte IVI-Chef Dr. Matthias Klingner mit. So verhandelt er derzeit mit den russischen Kirow-Werken, die den mitteldeutschen Autotram-Partner „Göppel Bus Nobitz“ übernommen haben. Auch gibt es Anfragen für eine Lizenzfertigung in Indien.

Passagierloser Praxistest startet demnächst in Dresden

Ihren ersten Praxistest soll die „Autotram Extra Grand“ in Dresden bewältigen: In den nächsten Tagen werde die 30,7 Meter lange und mit modernster Antriebs-, Lenk- und Energierückgewinnungs-Technik ausgestattete Autotram den Testbetrieb – zunächst ohne Passagiere – auf der Strecke der regulären Buslinie „66“ im Dresdner Süden aufnehmen, kündigte Klingner an. Ursprünglich sollte der Pilotbetrieb bereits im vergangenen Jahr beginnen. Die Straßenzulassung hatte sich wegen der Überlänge der Autotram aber als schwieriger herausgestellt als gedacht.

Forscher rechnen mit Einsatz auf langen Expressbus-Strecken

Die Autotram mit ihrer Kapazität von bis zu 256 Passagieren soll die Lücke zwischen Bus und Straßenbahn füllen. Gleichzeitig ist sie eine Testplattform, um das Zusammenspiel innovativer Verkehrstechnik zu erproben, beispielsweise von Diesel-Generatoren, Elektromotoren, großen Lithium-Akkus, Schnelllade-Stationen und Superkondensatoren sowie neuartigen Lenksystemen. Große Chancen rechnet sich Klingner dafür zum Beispiel auf Expressbus-Strecken in Europa, in Schwellenländern, in China und Indien aus.

Institut hat Technikum und Testoval angebaut

Architekt Ludger Kilian. Foto: Heiko Weckbrodt

Architekt Ludger Kilian. Foto: Heiko Weckbrodt

Diese Bus-Vision hat auch der Dresdner Architekt Ludger Kilian verarbeitet, als er das Technikum gestaltete: In Form und Größe nimmt der dreigeschossige Neubau das Format des 60er-Jahre-Baus nebenan auf, der ursprünglich für die DDR-Akademie der Wissenschaften errichtet und heute vom IVI genutzt wird. Im Detail ähnelt das mit einer grüngrauen, leicht abgerundeten und strukturierten Metallhaut überzogene Technikum aber einem technischen Gerät, um die Nutzung als Fahrzeughalle für Autotram & Co., als Batterie- und Motorprüfstand mit Messräumen und Büros zu veranschaulichen. „Ich habe mich etwas von den ,Greyhounds’ der großen Überlandbuslinien und den Amtrak-Zügen in den USA inspirieren lassen“, verrät Kilian.

Rechts das 1960 errichtete Akademiegebäude, links der einem Greyhound-Bus nachempfundene Neubau. Foto: Heiko Weckbrodt

Rechts das 1960 errichtete Akademiegebäude, links der einem Greyhound-Bus nachempfundene Neubau. Foto: Heiko Weckbrodt

Dabei war das Ausbauprojekt der Fraunhofer-Forscher anfangs durchaus umstritten: Vom Lärm des Autobahnzubringers „Bergstraße“ und den vielen Forschungsneubauten in der Nähe entnervte Anwohner und Kleingärtner in der Nähe sahen insbesondere mit dem Testoval eine weitere Lärm- und Verkehrsquelle entspringen und protestierten. Inzwischen haben sich die Wogen indes geglättet, auch, weil viele Anwohnerhinweise in die Planungen eingearbeitet wurden. Es habe sich wohl in erster Linie um ein Kommunikationsproblem gehandelt, wird jetzt vor Ort eingeschätzt, denn im Grunde seien viele Anwohner stolz auf den boomenden Forschungs-Campus im Dresdner Süden.

Aus Sicht der IVI-Leitung verbessert sich mit den Neubauten kurz- wie auch langfristig die lokale Ökobilanz: Kurzfristig, weil die Forscher bisher ihre neuen Antriebskonzepte an der Zeunerstraße ertüftelten, die Anlagen dann aber in Interimsquartieren in Reick zusammenbauen und die Fahrzeuge dann zu Teststrecken nach Bautzen oder Großenhain überführen mussten, um sie zu erproben – diese unnützen Fahrten fallen nun weg.

Neue Ingenieure werden eingestellt

IVI-Leiter Dr. Matthias Klingner mit der Test Hybridbus-Teststrecke im Hintergrund, die wie eine "8" in den Hang geschnitten und dann wieder begrünt wurde. Foto: Heiko Weckbrodt

IVI-Leiter Dr. Matthias Klingner mit der Test Hybridbus-Teststrecke im Hintergrund, die wie eine „8“ in den Hang geschnitten und dann wieder begrünt wurde. Foto: Heiko Weckbrodt

Langfristig, weil sich die Ingenieure nun ganz auf ihre Forschungen am ökologisch ausgewogeneren Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) der Zukunft konzentrieren können, da sich ihre Arbeits- und Testbedingungen vor Ort verbessern. Klingner kann nun auch weitere Wissenschaftler einstellen. In den kommenden zwei Jahren soll die Mitarbeiterzahl von derzeit 90 auf dann 110 bis 120 wachsen. Zu den neueren Projekten des IVI gehören unter anderem ein mobiles Management-System für Naturkatastrophen wie das jüngste Elb-Hochwasser, ein ÖPNV-Navi-System, eine Kooperation mit der Bergkademie Freiberg und die Entwicklung reiner Elektrobusse.

Heiko Weckbrodt

Vorführung der Autotram und des neuen Technikums zum Tag der Architektur, 29. Juni, 15-17 Uhr, Fraunhofer IVI, Zeunerstraße 38
 

Zahlen & Fakten zum IVI:

– Themen: neue ÖPNV-Fahrzeuge, intelligente Verkehrssteuerung, Strom-, Wasser- und Gasnetze, Feinstaub

– 1999 gegründet

– 90 Mitarbeiter

– Budget 2013: 8 Mio. € (plus 11 %)

– 80 % Drittmittelanteil (Industrie, Forschungsfonds etc.)

– Mehr Infos im Netz: www.ivi.fraunhofer.de

– Infos zum Tag der Architektur hier

Zahlen und Fakten zum Technikum und Testoval:

Baukosten: 3,4 Mio. €

Bauzeit: April 2012 bis April 2013

Planung: Kilian Architekten, Dresden

Haustechnik: DERU Planungsgesellschaft, Dresden

Tragwerk: E+P / Ingenieurgesellschaft Engelbach + Partner, Dresden

Planung Testoval: Landschaftsarchitektin Claudia Petzold

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