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Lüfter-Gebrüll und Polarwind: Software-Firma Comarch nimmt Rechenzentrum in Dresden in Betrieb

Blick in das eisige Comarch-Rechenzentrum in Dresden, wo die ersten Server-Racks nun in Betrieb sind. Foto: Comarch

Blick in das eisige Comarch-Rechenzentrum in Dresden, wo die ersten Server-Racks nun in Betrieb sind. Foto: Comarch

Dresden, 26. April 2013: Die deutsche Tochter des polnischen Software-Unternehmens Comarch hat heute in Dresden ein Tier-3-Rechenzentrum in Dresden eröffnet. Inklusive des neuen Firmensitzes von Comarch Deutschland gleich nebenan investierte das Unternehmen zwölf Millionen Euro. Von Dresden aus will die Firma, die bisher vor allem Spezialprogramme für große Telekommunikationskonzerne wie Telekom und Vodafone entwickelte, nun den Mittelstand im deutschsprachigen Raum gewinnen: mit Buchhaltungs- und Finanz-Softwarepaketen aus der Rechnerwolke, der „Cloud“. Oiger-Redakteur Heiko Weckbrodt hat das Comarch-Rechenzentrum vorab besichtigt und sich mit Christoph Kurpinski unterhalten, dem Chef der „Comarch Software und Beratung AG“.

Der Lärm in dem engen Betongelass ist ohrenbetäubend. „Das sind die Lüfter“, tippt Rechenzentrum-Direktor Michael Lehmann auf einen der brüllenden Kästen an der Wand, als er meinen fragenden Blick sieht. Hier läuft die 110.000-Volt Leitung ein, die in den Kästen auf computergenehme Spannungen heruntertransformiert wird. „Das würde hier sehr schnell sehr heiß werden, wenn die Lüfter nicht wären“, sagt er.

Das neue Rechenzentrum ist eben nach dem Tier-3-Standard ausgerüstet, um die Kundendaten vor Katastrophen, Diebstahl und Anschlägen zu sichern, und das heißt: Der stark gesicherte Bau nahe dem Dresdner TU-Campus hat zum Beispiel zwei unabhängige direkte Stromnetzzugänge, drei separate Lichtleiter-Internetleitungen, die extra aus verschiedenen Richtungen für Comarch gelegt wurden, Imergen-Löschanlagen, die automatisch selbst bei kleinsten Schmorbränden binnen Sekunden anspringen und die Räume mit ungiftigem Gas fluten und dergleichen mehr.

Comarch-Manager Christoph Kurpinski. Foto: Heiko Weckbrodt

Comarch-Manager Christoph Kurpinski. Foto: Heiko Weckbrodt

„Unsere abgeschottete Dresdner Cloud“, nennt Kurpinski den Bau. „Wir legen die Daten und Programme unserer Kunden nicht irgendwo in China ab, sondern hier, in Deutschland“, sagt der Chef der deutschen Comarch-Tochter, der ein Gefühl dafür hat, wie die Unternehmen hier tickt. „Der deutsche Mittelstand ist da etwas konservativ“, meint er augenzwinkernd. „Die wollen sichergehen, dass ihnen niemand ihre Daten klaut.“

Insofern waren die Investitionen in Dresden für Comarch auch eine Investition in die Zukunft: In Polen gehört das Software-Unternehmen zu den ganz Großen, in Deutschland haben sie sich immerhin bei den großen Telefon-Konzernen mit speziellen Programmen für Netzwerk- und Kundenverwaltung etabliert – und nun wollen sie auch die Mittelständler und Freiberufler im deutschsprachigen Raum überzeugen. Mit Cloud-Lösungen, was heißt: Die Kunden installieren gar nicht erst aufwendige Buchhaltungssysteme auf teuren PCs, sondern mieten solche Programme gegen Monatspauschalen aus der Ferne, soviel, wie sie gerade brauchen. Die Software-Pakete und Daten sind im Dresdner Rechenzentrum gesichert. Im Kundenunternehmen setzt sich der Buchhalter nur an den PC, ruft den Firefox oder einen anderen Internet-Browser auf und tippt dort fleißig ein und wertet aus – die Berechnungen im Hintergrund werden in Dresden erledigt, die Daten per Internet hin und her geschickt.

Der Pole ist ein Jäger, der Deutsche ein Bauer

Für Comarch war der deutsche Markt ein teils schmerzhafter Lernprozess – Kurpinski, der Unternehmenkulturen beider Länder kennt, weiß das nur zu gut. Der 50-jährige Kybernetiktechniker wurde in Polen geboren, arbeitet aber schon seit Jahrzehnten auch in deutschen Unternehmen. „Als Comarch vor 20 Jahren gegründet wurde, war es ein polnisches Unternehmen mit polnischer Unternehmenskultur“, versucht er zu erklären. Wie so viele Neugründungen nach dem politischen Umbruch habe es zunächst eine Taktik des „Jäger und Sammlers“ verfolgt: „Für Comarch war der Kunde zunächst ein Wild: Finden, erlegen, Fellabziehen und gehen“, sagt er. „Der deutsche Mittelständler dagegen ist eher ein ,Bauer’: Er sät, erntet, er will von seinem Kunden auch noch Jahre leben.“

Die Inergen-Gaslöschanlage im Rechenzentrum. Foto: Comarch

Die Inergen-Gaslöschanlage im Rechenzentrum. Foto: Comarch

Was Kurpinski mit seinem Gleichnis meint ist: Als Comarch in den 1990ern auf den deutschen Markt ging, musste es erst lernen, dass der deutsche Kunde Lösungen will und nicht nur eine Software kaufen, dass langfristige Kundendienstleistungen extrem wichtig sind. Und deshalb präsentiert sich Comarch Deutschland auch demonstrativ nun als deutsches Unternehmen, deshalb wurde das Rechenzentrum in Dresden hochgezogen, deshalb wird hier auch eine eigene Entwicklungsabteilung aufgebaut, die Lösungen für die deutschen Kunden programmiert – und „derzeit händeringend nach Entwicklungsingenieuren sucht“, wie Kurpinski betont. Denn neben der Nähe zu Polen, der wirtschaftsfreundlichen Politik in Sachsen und dem Hightech-Umfeld sei auch die Nähe zur TU Dresden und deren Absolventen ein Grund für die Standortentscheidung in der sächsischen Landeshauptstadt gewesen, wie der Manager betont.

Die großen Kühlaggregate auf dem Dach des rechenzentrums sind von der Straße aus nicht zu sehen. Foto. Comarch

Die großen Kühlaggregate auf dem Dach des rechenzentrums sind von der Straße aus nicht zu sehen. Foto. Comarch

Derweil sind wir ein Stockwerk höher gestiefelt, ins Herz des Rechenzentrums an der Chemnitzer Straße: Hier blinkern bereits die ersten Server-Racks fröhlich vor sich hin, sind die ersten Computer aufgebaut. Bis zu 360 Quadratmeter stehen hier für die Rechner der Kunden zur Verfügung – jeder durch Stahlkäfige gegen manuellen Datenklau voneinander getrennt. Ein eisiger Wind zieht durch den Raum: So viele Rechner erzeugen viel Abwärme und werden daher von gigantischen Kühlaggregaten auf dem Dach auf Kühlschrankniveau temperiert. Und wer genau hinschaut, dem entgehen auch nicht die vielen Panorama-Videoaugen und anderen Vorkehrungen, die Einbrecher fernhalten sollen.

Noch mal eine Etage höher bekomme ich nun auch das große Dieselaggregat zu sehen, das einmal pro Monat für Testläufe anspringt und ständig vorgeheizt wird – man fühlt sich etwas an den U-Boot-Maschinenraum im Film „Das Boot“ erinnert. Fällt einmal der Strom aus, hält zunächst ein Batteriepark das Rechenzentrum bis zu eine Viertelstunde lang am laufen, spätestens dann springt der schwere Diesel an, der bis zu 72 Stunden lang „Saft“ liefert. „Einmal im Jahr simulieren wir hier einen Blackout, einen Totalausfall“, erzählt Lehmann. Dann müssen alle Notvorkehrungen beweisen, dass sie auch mit einem vollständigen Zusammenbruch des Dresdner Stromnetzes klar kommen. Heiko Weckbrodt

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