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Antiquariate zelebrieren im Internetzeitalter Buch als Gesamtkunstwerk

Ingenieur, Autodidakt, Antiquer: Carsten Rybicki hat sich mit dem Einstieg ins Antiquariats-Geschäft einen Traum erfüllt. Foto: Heiko Weckbrodt

Ingenieur, Autodidakt, Antiquer: Carsten Rybicki hat sich mit dem Einstieg ins Antiquariats-Geschäft einen Traum erfüllt. Foto: Heiko Weckbrodt

Dresden, 23. April 2013. Können Sie sich noch erinnern wie es damals war, als das Internet noch nicht erfunden war? Als man noch ins Antiquariat statt zum Amazon-Netzportal ging, um nach Büchern zu stöbern? An den Geruch von Papier zwischen den langen Regalreihen? Das Rascheln der Buchseiten? Den Triumph im Herzen und die Lese-Vorfreude im Kopf, wenn man – ein paar Mark ärmer – mit einem Stapel persönlicher Neuentdeckungen nach Hause eilte, im Bus schon die ersten Seiten verschlingend? Oiger-Redakteur Heiko Weckbrodt, heute ein bekennender eBuch-Leser, entsinnt sich noch gern daran – und hat sich mit Blick auf den heutigen Welttag des Buches mit dem Dresdner Antiquar Carsten Rybicki über das Geschäft mit alten Büchern im Internetzeitalter unterhalten.

Eingequetscht zwischen Erotik-Geschäft und Pension, versucht der heimelige Laden nahe der Marienbrücke gar nicht erst, so zu tun, als ob sich hier tagtäglich lesehungrige Massen durchwälzen könnten. Ein paar Schritte im Quadrat, ein rotgemusteter Teppich rekelt sich übers dunkle Parkett, die Regale an den Wänden sind vollgestopft mit goldbeschrifteten alten Schinken: Goethes Faust in Leder, eine Bibel, Brehms gesammeltes Tierleben, das Kamasutra als Westentaschen-Ausgabe und dazwischen – als blinkernder Fremdkörper – ein DDR-Banner der Arbeit.

„Kampf zwischen Buch und elektronischem Schriftgut“

Das Antiquariat „Bachmann & Rybicki“ sieht eher aus wie eine Wohnstube oder eine Privatbibliothek denn wie die Gebrauchtbuchhandlungen aus Vorwende-Zeiten. Und das ist Absicht: „Im Laden selbst machen wir vielleicht 15 Prozent unserer Umsätze, das meiste verkaufen wir per Internet oder durch Direktkontakte“, klärt mich Geschäfts-Teilhaber Rybicki auf, „Hier geht es um das Flair, hier wollen wir den Leuten vor allem die Schönheit alter Bücher vor Augen führen – gerade jetzt, da der Kampf zwischen Büchern und elektronischem Schriftgut tobt.“

Video (Englisch) von Phil Pirages über den Sinn des Buchsammelns:

Rein quantitativ hat sich die antiquarische Szene in Dresden zwar halbwegs stabil gehalten: Wie man alten Adressbüchern entnehmen kann, gab es in der sächsischen Landeshauptstadt um 1880 etwa sieben Antiquariate, 1934 fünf oder sechs und heute sind es etwa ebenso viel. Nicht eingerechnet sind hier die vielen professionellen und halbprofessionellen „Antiquare“, die gar kein eigenes Ladengeschäft haben, sondern von daheim aus einen Internet-Versandhandel betreiben – die Namen findet man nur über einschlägige Szenemagazine.

Dafür hat sich die Branche aber qualitativ gewandelt: Das Internet hat in den vergangenen 20 Jahren eben nicht nur Musik-, Buch- und Elektronikhandel gravierend verändert, sondern auch das Geschäft mit alten Büchern: Wer heute Lektüre billig erstehen will, stöbert in den Gebraucht-Netzabteilungen von Amazon & Co., wer bibliophile Raritäten erstehen möchte, kennt die dafür spezialisierten Internetportale, um die Marktpreise – teils durch Computerprogramme automatisiert – im Auge zu behalten und im rechten Schnäppchen-Moment zuzuschlagen.

Branche im Wandel – aber nicht am Untergang

„Der Antiquariatshandel steht nicht am Untergang, sondern ist in stetigem Wandel“, meint Björn Biester von der Antiquariats-AG im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Viele alteingesessene Antiquare tun sich nach seiner Beobachtung schwer mit diesem Wandel und haben „stagnierende bis rückläufige Umsätze“. Doch gebe es andererseits auch erfolgreiche junge Antiquare, die mit neuen Konzepten und guten Szenekenntnissen reüssieren. Dabei handele es sich oft um Ein-Mann-Unternehmen mit kleinen Lagern, die sich auf das konzentrieren, was der Markt will.

Wie groß dieser Markt ist, vermag indes kaum einer genau einzuschätzen – der Börsenverein hat es vor Jahren aufgegeben, die Umsätze der Antiquariate statistisch zu erfassen. „Auf jeden Fall sprechen wir hier von einer Nische“, versichert Biester. Auf höchstens ein Prozent des gesamten deutschen Buchmarktes schätzt er den Antiquarischen Umsatz – wenn überhaupt.

Gebrauchtbücher werden von jedem im Netz vertickt – Antiquar verlegen sich auf Sammlerstücke

Wertanlage, Sammlerstücke: Alte Bücher. Foto: Bachmann & Rybicki

Wertanlage, Sammlerstücke: Alte Bücher. Foto: Bachmann & Rybicki

„Vom Buchverkauf allein kann heute kaum ein Antiquariat mehr leben“, meint derweil Rybicki und zeigt auf Sammlungen alter Puppen, den ostdeutschen Arbeitsorden, Münzen und andere eigentlich branchenfremde Waren, die zwischen seinen schönen Leder-Wälzern hervorlugen. Das frühere Gebrauchtbücher-Geschäft, also der Verkauf alter Bücher um des Lesens willen, ist im Präsenzhandel nahezu zusammengebrochen.

Ähnlich wie „Bachmann & Rybicki“ haben sich viele Antiquariate unter dem Druck des Internets auf Sammlerstücke verlegt: Auf „schöne“ Bücher, die man sich ins wohlgeordnete Regal stellt, in denen man vielleicht auch ab und wann um der nostalgischen Haptik Willen auch blättert, aber nicht unbedingt von vorn bis hinten verschlingt. Auch das Antiquariat am Fuße der Marienbrücke hat zwar ein paar Stücke, die schon ab drei Euro zu haben sind, viele aber bewegt sich eher zwischen ein paar Hundert und ein paar Tausend Euro.

Laden ist eher „Showroom“ als Geschäft

Und der größte Teil davon wiederum wird auch nicht unbedingt vor Ort, im gemütlichen Wohnzimmer verkauft, der eher als Anlaufpunkt für Kunden gedacht ist – neudeutsch würde man es wohl einen „Show Room“ nennen, sondern wird übers Internet vertickt, Museen, Bibliotheken und Archiven oder eben Sammlern direkt angeboten.

Bei Rybicki war es die „Leidenschaft zum Buch“, wie der Lehrersohn selbst sagt, die ihn mit seinem Geschäftspartner Gregor Bachmann bewegte, das kleine Ladengeschäft im November 2011 zu eröffnen. Autodidaktisch eignete sich der Bauingenieur auch Basiskenntnisse in der Buchrestaurierung an. Seitdem sitzt er oft in seiner Werkstatt daheim über alten Folianten, bezieht sie mit neuen Ledereinbänden, repariert Pergamentseiten… „Für mich hat sich ein Traum erfüllt“, sagt er – seine Leidenschaft ist für ihn heute Berufung wie Beruf gleichermaßen.

Viele sehen alte Bücher inzwischen als Wertanlage

Und er ist überzeugt: Auch in Zeiten von eBuch und Netzgesellschaft hat der Antiquar seinen Platz, wenn auch einen anderen als früher. „Alte Bücher werden von den Leuten zunehmend als Wertanlage gesehen, ähnlich wie Gemälde oder andere Kunstwerke“, sagt er – als Antiquar sei er da ein Mittler. „Klar muss ich irgendwie davon leben, aber reich wird man damit nicht“, sagt Rybicki. „Für mich ist das nicht nur ein Geschäft, sondern Spaß und Freude am Gesamtkunstwerk Buch.“ Heiko Weckbrodt

2 Kommentare

  1. „Alte Bücher werden von den Leuten zunehmend als Wertanlage gesehen, ähnlich wie Gemälde oder andere Kunstwerke“, Leider ist das wahr. Dadurch verändert sich aber der eigentliche Sinn des Buches,
    ein guter Informationsträger zu sein. Das Berufsbild „Antiquar“ hat jahrzehntelang dazu beigetragen, dass öffentliche und private Sammlungen entstehen, wachsen und gepflegt werden. Damit sollten Kultur, Bildung und Weisheit geformt und gefördert werden. Der „alte“ Sammler, der einstige Kunde des Antiquariats – vor Internetzeiten – war zu Recht ein (engagierter) Bildungsbürger genannt worden. Er setzte sich mit den Inhalten der Bücher auseinander, die er „sammelte“. So fand eine „wertvolle“ Begegnung zwischen Buch und Mensch statt. Wenn sich dies nun dahin gehend ändert, dass alte Bücher als (pekuniäre) „Wertanlagen“ gepflegt werden, erscheint dies – zumindest für mich – sehr bedenklich. Ich bin Antiquar und nicht „Vermögensverwalter“ geworden.

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