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Historiker: NS-Propaganda über Dresden-Zerstörung wirkt bis heute

Die Aufnahme aus dem Jahr 1945 zeigt den Blick vom rathausturm auf das zerstörte Dresden. Foto:  Beyer, ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, CC-Lizenz

Die Aufnahme aus dem Jahr 1945 zeigt den Blick vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden. Foto: Beyer, ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, CC-Lizenz

Dresden/Jena, 13. Februar 2013: Die Zerstörung Dresdens durch britische und amerikanische Bomben am 13. und 14. Februar 1945 ist durch fortwährende politische, künstlerische und propagandistische Überdeutung zur „Chiffre für den mörderischen Luftkrieg insgesamt“ geworden – als kleinster gemeinsamer Nenner über ideologische Grenzen hinweg. Diese Ansicht vertritt der Jenaer Historiker Dietmar Süß in seinem Buch „Der Tod aus der Luft“, in dem er den gesellschaftlichen Zustand und die „Kriegsmoral“ in Deutschland und Großbritannien während der Luftangriffe im II. Weltkrieg vergleicht.

Topos der „unschuldigen Stadt“ tauchte auch in anderen bombardierten Städten immer wieder auf

Dietmar Süß. Foto. Insel-Verlag

Dietmar Süß. Foto. Insel-Verlag

Ein ähnliches Sinnbild sei den Briten bis heute Coventry – wobei in der kollektiven Erinnerung bis heute hier eher die Erinnerung an den Durchhaltewillen gegen den deutschen „Blitz“ im Vordergrund stehe. Dagegen sei Dresden auch international zum Symbol für den alles zerstörenden Luftkrieg der Moderne geworden. Dabei habe sich „der Propagandaerfolg der Nationalsozialisten“ auch nach 1945 und auch im westlichen Ausland fortgesetzt, so Süß. Dazu beigetragen hätten unter anderem die sechsstelligen Opferzahlen, mit denen sowohl Goebbels operierte, die aber auch der Historiker David Irving in seinem Buch „Der Untergang Dresdens“ 1963 annahm – und die den Angriff auf Dresden auf eine Stufe mit den Atomschlägen gegen Hiroshima und Nakasaki rückten. Auch die bereits von der NS-Propaganda verwendeten Topoi der „wehrlosen“, „unschuldigen“ und „einzigartigen“ zerstörten Stadt wurden auch nach dem Krieg immer wieder aufgegriffen – wobei diese Adjektive schon während des Krieges in vielen Zeitzeugen-Briefen und -Berichten aus anderen bombardierten Städten auftauchten, wie Süß an anderer Stelle betont.

SED-Propaganda bediente sich im Kalten Krieg an Goebbels-Deutungen

Nahezu in einer kontinuierlichen und stetig weiterentwickelten Themen-Tradition hielt sich die Goebbels-Deutung des Angriffs auf Dresden in Dresden selbst: Im selben Maße, wie sich der Kalte Krieg in den 1950ern verschärfte, griff auch die SED-Propaganda im Zusammenhang mit Dresden auf die NS-Topoi von den „angloamerikanischen Luftgangstern“ zurück und sah auch keinen Anlass, die vom Reichspropaganda-Minister seinerzeit willkürlich überhöhten Opferzahlen (250.000 statt rund 25.000, wie von der Dresdner Polizei nach Berlin gemeldet) zu korrigieren.

„Nie wieder Krieg“-Konsens behinderte genauere Reflexion

Angesichts des gemeinsamen Anliegens „Nie wieder Krieg“ und im Sinne des Versöhnungsgedankens hätten aber auch Vertreter Coventrys und britische Kirchenvertreter – teils mit „zusammengebissenen Zähnen – bei Dresden-Besuchen manches Propagandaspiel der SED mitgemacht, schätzt Süß ein. Diese Konsensorientierung habe freilich dazu geführt, dass über Schuld und Verantwortung lange Zeit in Dresden kaum reflektiert worden sei. „Der Luftkrieg schien damit zum Menetekel der Moderne und zur Bedrohung aller Menschen geworden zu sein“, so der Konsensgedanke. Heiko Weckbrodt

Dietmar Süß: „Der Tod aus der Luft„, Siedler-Verlag, München 2011, eBook: 24 Euro, ISBN: 978-3-641-05928-6

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