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Meta-Studie: Internetsucht ist behandelbare psychologische Störung

Die Grenze zwischen Spiele- bzw. Internetsucht ist umstritten: 4 Stunden am Tag fernsehen gilt als normal, 4 Stunden am PC dagegen halten vor allem ältere Politiker für Sucht. Abb.: Bundessuchtbeauftragte

Jeder elfte Deutsche könnte internetsüchtig sein. Abb.: Bundessuchtbeauftragte

Marburg, 7. Februar 2013: Internetsucht wird von Medizinern aus verschiedenen Kulturkreisen mittlerweile als eigenständige psychische Störung eingestuft, ist aber gut durch Psychotherapie und Medikamente behandelbar. Das geht aus eine Meta-Studie der Arbeitsgruppe „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ der Universität Marburg um Dr. Julia A. Glombiewski hervor, wie die „Deutsche Gesellschaft für Psychologie“ (DGPs) mitteilte.

1,5 bis 8,2 Prozent internetsüchtig

Zugleich räumt die vergleichende Analyse mit manchen Horrorzahlen auf, die teils in der Öffentlichkeit kursieren: Demnach sind laut diversen europäischen und nordamerikanischen Studien zwischen 1,5 und 8,2 Prozent der Bevölkerung internetsüchtig. In einigen asiatischen Staaten wurden höhere Werte ermittelt, in China zum Beispiel 13,7 Prozent.

Höheres Suchtpotenzial in China und Südkorea

Auch Frauen sind in der Onlinespielsucht-Gruppe der GESOP. Besonderes Suchpotenzial wird Online-Rollenspielen wie "World of Warcraft" zugeschrieben. Abb.: Blizzard

Besonderes Suchpotenzial wird Online-Rollenspielen wie „World of Warcraft“ zugeschrieben. Abb.: Blizzard

Dabei zeigten sich auch interessante kulturelle Unterschiede. So waren die Behandlungserfolge in den USA und in anderen westlichen Ländern meist größer als in China und Korea, wo Internetsucht heute als eine der größten Gesundheitsgefahren gilt, nachdem eine Serie von zehn Todesfällen durch Atem- und Kreislaufstillstand in Internetcafés sowie Morde mit Bezug zu Online-Spielen bekannt geworden waren.

Das Internet biete in den durch kollektivistische Werte geprägten asiatischen Staaten den jungen Menschen die Möglichkeit der Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit, interpretieren die Studien-Autoren diese Beobachtungen. Der Therapieerfolg einer geringeren Internetnutzung bedeute deshalb für junge Asiaten einen größeren Verlust als für die Patienten westlicher Staaten. Auch haben Internetspiele in asiatischen Ländern einen höheren Stellenwert als in westlichen Kulturen: In Korea gibt es drei professionelle Online-Spielligen, zwei Spiel-Stadien und zwei Fernsehprogramme, die auf Online-Spiele spezialisiert sind.

Zum methodischen Verständnis: In Meta-Studien werden keine eigenen Experimente angestellt, sondern vielmehr möglichst viele bereits angefertigte Studien zum Thema systematisch vergleichen. Im konkreten Fall hatte die AG um Dr. Glombiewski 16 Studien mit insgesamt 670 Probanden untersucht.

Um Internetsucht als psychische Störung bei einem Probanten zu diagnostizieren, hat die „Amerikanische Psychiatrische Vereinigung“ einen Kriterienkatalog. Zu achten ist demnach auf folgende Phänomene:

  1. Intensive Beschäftigung mit dem Internet.
  2. Entzugserscheinungen bei der Verhinderung der Internetnutzung.
  3. Toleranz, d. h. eine immer längere Nutzungsdauer, um ein Hochgefühl zu erleben.
  4. Erfolglose Versuche, die Internetnutzung zu kontrollieren.
  5. Trotz Kenntnis psychosozialer Probleme weitere übermäßige Internetnutzung.
  6. Verlust anderer Interessen.
  7. Internetnutzung, um schlechter Stimmung zu entkommen oder sie zu verbessern.
  8. Beschwindeln der Mitmenschen über die Dauer der eigenen Internetnutzung.
  9. Verlust oder drohender Verlust einer bedeutenden Bildungs- oder Karrierechance.

Heiko Weckbrodt

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