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Tief unter des Kaisers Sandale

Antik-römische Hochzeitszeremonie. Foto: Aranzuisor, Wikipedia, GNU-Lizenz

Antike römische Hochzeit. Foto: Aranzuisor, Wikipedia, GNU-Lizenz

US-Historiker Knapp zeichnet in „Römer im Schatten der Geschichte“ das Leben von Gaius Normal-Römer nach

Was Cäsar vor sich hin gebrabbelt haben soll, als er den Rubikon überschritt, wissen wohl viele. Auch der „Running Gag“ des alten Cato am Ende jeder seiner Senatsreden oder Kaiser Neros Verhältnis zum Feuerwehrwesen mag dem einen oder anderen aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung sein. Wofür aber kämpfte eigentlich der einfache Legionär in Cäsars Heer? Wieviel Asse verlangte die Hure, die Nero für seine orgiastischen Feste orderte? Weil sich klassische Geschichtsschreibung eben so sehr auf die „Großen“, auf die Kriege und Imperien konzentriert, hat der US-amerikanische Historiker Robert Knapp einmal einen ganz anderen Ansatz gewählt: In seiner bemerkenswerten Abhandlung „Römer im Schatten der Geschichte“ versucht er anhand sonst wenig genutzter Quellen, das Leben der einfachen Menschen im römischen Imperium nachzuzeichnen – wie sie lebten, was sie sorgte, woran sie glaubten, wie sie starben.

Der freie Römer: Kaum 50 Jahre Lebenserwartung

Der durchschnittliche freie Mann – außerhalb Roms, wo das Stadtleben immer eigenen Regeln folgte – konnte mit einer Lebenserwartung von rund 50 Jahren rechnen, soweit er die Kindheit (die Kindersterblichkeit war enorm) überlebte. Gehörte er der Unterschicht an, fristete er dann mit einem Tageslohn von zehn bis 20 Assen (einem halben bis einem Denar) seinen Unterhalt. Mit solchen Durchschnitts-Einkommen im Hinterkopf liest man die Geldangaben in den Schriften von und über die römische Elite mit ganz anderen Augen: Wenn der junge Cäsar als Piratengeisel beispielsweise für 50 „Talente“ (1 Silber-Talent = 6000 Denar) freigekauft wurde, dann entspracht das für Gaius Normalrömer einem schier unvorstellbarem Schatz.

Typisch für die römische Antike war indes chronische Unterbeschäftigung, sprich: Viele Freie führten oft über Monate hinweg ein Leben am Rande des Existenzminimums, das bei etwa zwei bis drei Kupfer-Assen am Tag lag. Da aber die Single-Quote bei nur etwa fünf Prozent lag, musste der Mann in der Regel auch noch eine ganze Familie mit seinen Verdiensten durchbringen, sei es als Gelegenheitsarbeiter, oder – und damit hatte er dann schon ein stabileres Einkommen – als kleiner Selbstständiger, zum Beispiel als Kleinhändler oder Garküchenwirt.

Freie Frauen – wenig Rechte

Freie Frauen der Unter- und Mittelschicht führten nach heutigem Empfinden ein Leben, das sich rechtlich kaum von dem einer Sklavin unterschied – wobei uns jede freie Römerin sofort an den Hals springen würde, wenn sie das lesen könnte. Eine „ehrbare“ Freie durfte (formal) keine Rechtsgeschäfte ohne Einwilligung ihres Gatten tätigen, kein Gewerbe treiben und auf Heim, Hof und Gebären beschränkt. In der Praxis allerdings sah diese rechtliche Theorie oft ganz anders aus. Tatsächlich lief der individuelle Freiraum jeder freien Frau auf einen Aushandlungsprozess mit dem Gatten hinaus. Wie patriachalisch die römische Gesellschaft war, zeigt sich auch beim Thema Sex: Schlief ein Mann mit einer Sklavin oder Hure, galt dies nicht als Ehebruch – für eine „ehrbare Frau“ hingegen galten ganz andere Maßstäbe.

Der Sklave: Der Willkür des Dominus ausgeliefert

Ganz unten auf der sozialen Leiter hockten die Sklaven, die zwar gemeinhin durchaus als menschliche Wesen gesehen wurden, aber dennoch meist als verachtungswürdige Verfügungsmasse. Vor allem während der römische Expansion rekrutierte sich das Gros der Sklaven aus Kriegsgefangenen (vor allem aus dem Osten, aus Gallien und teils Germanien). Auch endeten viele Findelkinder und (eigentlich illegal) verkaufte Kinder als Sklaven. Seltener konnte ein Römer auch als Strafe für ein Verbrechen alle Rechte verlieren.

Sklaven waren von Gesetzes wegen ganz der Willkür oder dem Wohlwollen ihrer Herren ausgeliefert. Der Dominus durfte sie auspeitschen, vergewaltigen, ja gar töten. Wer seine Sklaven allerdings arg misshandelte, musste mit Reputationsverlust rechnen. Und gerade Haussklaven in den Städten führten – abgesehen von ihrer Entrechtung – teils ein einigermaßen passables Leben, konnten im Alter jenseits der 30 sogar auf Freilassung hoffen.

Überhaupt sollte man sich vor den Klischees aus Film und Fernsehen hüten: Sklavenhalterei war zwar essenziell für die antike Wirtschaft. Aber zum Beispiel das marxistische Geschichtsbild einer Gesellschaft, in der aller Reichtum von Sklaven erarbeitet und von aristokratischen Sklavenhalter verprasst wurde, ist schlicht verzerrt: Sklaven machten nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung aus, eine echte wirtschaftliche Bedeutung hatten sie nur in der Landwirtschaft und in den Minen. Die große Masse der Menschen im Imperium war schlicht arm oder hatte einigermaßen ein Auskommen. Eine Mittelschicht wie heute gab es in der Kaiserzeit hingegen kaum.

Der Legionär: Soziale Sicherheit und Karrierechance

Angesichts der geringen sozialen Dynamik der antiken römischen Gesellschaft und der geringen Durchlässigkeit der Klassenschranken gab es für den durchschnittlichen Freien aus dem Volk nur wenige Wege, zu Ruhm oder echtem Wohlstand zu gelangen. Jungen Männer standen dabei mehr Optionen offen als Frauen: Sie konnten beispielsweise die – als ehrvoll angesehene – Karriere als Soldat auf Zeit einschlagen. Während des Dienstes in einer Legion gingen sie zwar – je nach antiker Weltlage – das Risiko ein, im Kampf getötet oder anderweitig eines vorzeitigen Todes zu sterben. Auch durften sie keine offiziellen Familienbande eingehen. Dafür wurden sie aber – nach antiken Maßstäben – überdurchschnittlich gut medizinisch versorgt, bekamen ein regelmäßiges Einkommen und tägliches Essen (alles keine Selbstverständlichkeit damals). Nach ihrem Dienst bekamen sie ihre Sold-Zwangsersparnisse ausgezahlt plus einen Extrabonus in Form von Land oder Geld. Wer sich bis zum Zenturio (entspricht etwa dem heutigen Hauptmann) hochgedient hatte, konnten gar später auf eine Karriere als Magistrat hoffen.

Der Gladiator: Ehrloser Popstar mit meist kurzem Leben

Mehr Ruhm, Geld und Frauen lockten bei einer Karriere als Gladiator – allerdings verbunden mit vielen Nachteilen. Vor allem war die Lebenserwartung dieser Berufskämpfer in der Arena mit unter 30 Jahren selbst für antike Verhältnisse gering. Allerdings darf man auch hier TV-Serien wie „Spartacus“ nicht für bare Münze nehmen: Die Gladiatoren waren keineswegs alle Sklaven, auch wurden sie nach antiken Maßstäben gut ernährt und medizinisch versorgt. Zudem kämpften die meisten von ihnen nur ein bis zwei Mal im Jahr. Und wer die ersten zwei Kämpfe seiner Karriere überlebte, hatte gute Chancen, über 30 Jahre als zu werden. Gladiatoren wurden von der Elite als „schändlich“ gesehen – damit blieben ihnen alle Ämter verwehrt und sie waren selbst als Freie nur bedingt rechtsfähig. Doch ein glorioser Kämpfer konnte zum „Popstar“ der Massen aufsteigen, dem sich weibliche Groupies an den Hals warfen. Und für jeden gewonnenen Kampf lockten Gratifikationen: Für einst freie Römer ein Weg, Schulden loszuwerden, für versklavte Kämpfer eine Option, sich freizukaufen.

Die Hure: Der Staat kassierte fleißig mit
Wandmalerei aus dem antiken Pompeij: Prostitutierte boten auch in den Thermen ihre Dienste an - und zwar Praktiken, die der "ehrbaren" rämischen Gatiin als verpönt galten. Foto: Fer.filol, Wikipedia, public domain

Wandmalerei aus dem antiken Pompeij: Prostitutierte boten auch in den Thermen ihre Dienste an – und zwar Praktiken, die der „ehrbaren“ rämischen Gatiin als verpönt galten. Foto: Fer.filol, Wikipedia, public domain

Nur wenig alternative Lebensentwürfe boten sich hingegen für Frauen. Politische oder militärische Karrieren waren ihnen ganz versagt. Es gibt Belege, dass manche Frauen einigen gesellschaftlichen Einfluss gewannen, auch als Geschäftsfrauen oder Gladiatorinnen tätig waren – dies blieben indes Ausnahmen. Prostitution war dagegen anscheinend ein recht häufiges Schicksal für Frauen. Laut Knapps Kalkulationen könnten zehn bis 20 Prozent der jungen Frauen dem horizontalen Gewerbe nachgegangen sein. Wieviele davon Sklavinnen waren, lässt sich kaum noch ermitteln – aber wohl viele. Teils trieben auch arme Familien aus existenzieller Not heraus ihre Töchter in die Prostitution.

Letztere galt zwar als ehrlos (was zum Beispiel eine offizielle Ehe unmöglich machte), aber war nicht illegal. Im Gegenteil, der Staat kassierte fleißig Steuern von den Huren. Auch finden sich in den Quellen – durchaus recht höflich formulierte – Festtags-Lizenzen für „Freudenmädchen“. Auf rechtlichen oder polizeilichen Beistand durch die Behörden konnte ein Hure aber im Falle von Übergriffen nicht hoffen, die meisten gehörten wohl zu den am übelsten ausgebeuteten Menschen der Antike. Im Schnitt erschlief sich eine Prostituierte etwa 20 Asse pro Tag, von der sie aber – soweit sie keine Sklavin war und ganz leer ausging – etwa ein Drittel bis die Hälfte an ihren Zuhälter abführen musste.

Fazit:
Abb.: Klett-Cotta

Abb.: Klett-Cotta

Wer geglaubt hat, angesichts des reichen überlieferten Quellenmaterials und der Literaturfülle alles über Rom zu wissen, sollte Knapps Buch unbedingt lesen: Er entwirft ein hochinteressantes „Bild von unten“ von einer antiken Supermacht, die man bisher allzuoft nur durch die Brille der damaligen Elite sah. Dafür hat der Amerikaner bewusst auf die üblichen Quellen verzichtet, um sich nicht die verzerrte Sicht der römischen Aristokraten, Ritter und Geschichtsschreiber zu eigen zu machen. Er hat zum Beispiel Grabinschriften einfacher Römer ausgewertet, auch Papyrus-Briefe aus dem römisch besetzten Ägypten, überlieferte Fabeln und Traumdeutungen für das einfach Volk und ähnliche Relikte von der Basis. Manche seiner Schlussfolgerungen mögen auf etwas wackligen Füßen stehen oder auf reinen Plausibilitätserwägungen beruhen. Insgesamt ist ihm jedoch ein überraschend komplexes Bild gelungen, das uns zeigt, wie sehr sich doch Denken, Selbstverständnis, Rechtsempfinden, religiöse Vorstellungen und Überlebenskampf des einfachen Menschen von der abgehobenen Welt der römischen Elite unterschied. Heiko Weckbrodt

Robert Knapp: „Römer im Schatten der Geschichte – Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten: Männer und Frauen im Römischen Reich“, Klett Cotta, Stuttgart 2012 (Original: London 2011), 424 Seiten, ISBN: 978-3-608-94703-8, 25 Euro; eBuch (Kindle-Edition): ASIN: B007X42TC8, 19 Euro
Robert Knapp. Foto: Profile Books

Robert Knapp. Foto: Profile Books

 

 

Über den Autor:

Robert Knapp war vor seiner Emeritierung Professor für Alte Geschichte in Berkeley, University of California (Quelle: Klett-Cotta)

Leseprobe: hier bzw. hier

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