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Himmelskrokodil ist leider verhindert

Foto: Ronny Siegel

Foto: Ronny Siegel

Wenn Sie diese Zeilen lesen, musste das große Himmelskrokodil der Mayas wohl etwas anderes erledigen und hat uns nicht ersäuft. Die Apokalyptiker vom Dienst ziehen nun wahrscheinlich mit mürrischen Mienen durch die Straßen und die Dresdner Sinfoniker müssen jetzt doch die Rechnung die Rechnung für ihre „Überlebens-Party“ in der Bibliothek SLUB bezahlen. Okay, die Überraschung hält sich in Grenzen: Der Dresdner Kodex gilt inzwischen als weitgehend entschlüsselt, inklusive der legendären Seite 74, auf der die alten Maya-Priester so schön unheilschwanger den schwarzen Totengott tanzen ließen. Die angebliche Weltuntergangs-Prophezeiung gilt mittlerweile unter Forschern als schlichtes Missverständnis infolge früherer Übersetzungslücken.

Dennoch haben selbst aufgeklärte Menschen, die sich fern jeden Aberglaubens wähnen, lustvoll den Apokalypse-Hype mitgefeiert, Roland Emmerichs filmische Flutorgie „2012“ mit morbider Begeisterung angeschaut, sich götterdämmerliche Apps auf ihre iPhones heruntergeladen, die die Tage bis zum 21. Dezember 2012 herunterzählten. Warum eigentlich?

Vergnügen an Niedergang genetisch fest verdrahtet
Der Totengott der Mayas tanzt zur Sintflut - Auszug aus dem Codex Dresdensis. Repro: SLUBDer Totengott der Mayas tanzt zur Sintflut - Auszug aus dem Codex Dresdensis. Repro: SLUB

Der Totengott der Mayas tanzt zur Sintflut – Auszug aus dem Codex Dresdensis. Repro: SLUB

Es scheint fast, als ob es genetisch fest im Menschen verdrahtet sei, sich am Niedergang zu weiden – je katastrophaler und gewaltiger, umso besser. Vielleicht, so kann man mutmaßen, spielt da ein Selbstbestrafungskomplex im kollektiven Bewusstsein hinein: Wir sehen das Übel auf der Welt, glotzen in der Tagesschau die Bilder von tödlichen Zugunglücken in Indien an, lesen in der Zeitung vom Hunger in Afrika, hören von blutigen Schlachtefesten irgendwelcher Stammesmilizen – und schmücken im nächsten Moment weiter den Weihnachtsbaum. Zurück bleibt das nagende Gefühl im Hinterkopf, dass etwas nicht stimmt, dass Ungerechtigkeit bestraft gehört, dass auch wir Schuld mit uns herumtragen. Irgendwann, so flüstert diese leise Stimme verstohlen, kommt der große Zahltag.

Von Gilgamesch bis Edda: Katastrophen fester Topos der Kulturen

Und diese Vorstellung einer globalen Strafe für den Sündenpfuhl Erde zieht sich über die Jahrtausende hinweg, möglicherweise auch angespornt – so sagen manche Forscher – durch die vagen Erinnerungen der Menschheit an das große Tauwetter nach der Eiszeit. Beispiele gefällig? Eine der frühesten literarischen Überlieferungen ist das Gilgamesch-Epos, in das die Sumerer vermutlich vor über 4000 Jahren den Bericht einer (Überraschung!) verzehrenden Sintflut kerbten. Oder man denke an die Sintflut in der Bibel, den Untergang von Atlantis, den großen Regen der Mayas, die Weltzeitalter-Lehre eines Joachim von Fiore, den großen Endmonsterkampf in der Edda, die düsteren Prophezeiungen des Nostradamus oder die Flut genüsslicher Weltuntergangsfilme aus Hollywood.

Insofern ist mit 100-prozentiger Sicherheit davon auszugehen, dass sich schon bald ein neues düsteres Orakel zu Wort meldet. Behalten Sie einfach den Unterhaltungswert der Apokalyptik im Auge, freuen Sie sich auf Weihnachten, das nun doch vor der Tür steht und legen Sie den einen oder anderen Keks beiseite – nur so für den Fall der Fälle. Heiko Weckbrodt

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