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In den Dresdner Technik-Depots schlummern Tausende Hightech-Schätze vergangener Tage

Rarität: Hinter der Fassade des Radios "Geographic 39" von Ingelen werkelte eine Frühform von Lichtleitertechnik. Foto: hw

Rarität: Hinter der Fassade des Radios „Geographic 39“ von Ingelen werkelte eine Frühform von Lichtleitertechnik. Foto: hw

Deutscher Ingenieurgeist: Lichtleiter in Handarbeit und satter Röhren-Sound

Dresden, 17. Dezemer 2012: Wer die „Technischen Sammlungen Dresden“ (TSD) besucht, bekommt nur einen kleinen Ausschnitt der historischen Technologieschätze zu sehen, die das Museum an der Junghansstraße verwahrt: Mangels Ausstellungsfläche sind Tausende Radios, Rechenanlagen, Schreibmaschinen und andere potenzielle Exponate hinter verschlossenen Türen deponiert. Wir haben die Pforten der TSD-Depots aufgeschlossen, hinter denen technikgeschichtliche Bonbons lauern – zum Beispiel der Beweis, dass Lichtleiter keine Erfindung der Internet-Ära sind.

Globalisierung begann auch mit den Langwellen-Radios

Kaum hat Andreas Walther den Schlüssel umgedreht und die schwere Tür unterm Dach der früheren Ernemannfabrik aufgestoßen, ist der Besucher in einer untergegangenen Technologie-Ära gefangen, die bis heute kaum etwas an Faszination verloren hat. Der 62-jährige Elektronikingenieur hat eine Pforte in jene Zeit aufgetan, in der Rundfunkempfänger das Multimedia-Zeitalter einläuteten, in der Radios neuester Hightech-Chic aus Elektronenröhren waren, die Langwelle plötzlich weit entfernte Städte in die Wohnstube rückte. Kapstadt, Boston, Moskau, Göteburg, Rom.

50er-Jahre-Technik zwischen Schellack und Nähkästchen

Das Neonlicht reißt eine lange Reihe Stahlregale aus dem Dunkel, vollgepackt mit Rundfunkgeräten, die von deutschem Erfindergeist künden. Sachsenwerk-Radios zum Beispiel, die Jahrzehnte vor der Erfindung der Leuchtdiode durch raffiniert ausgetüftelte Lochscheiben die eingestellten Sendestationen leuchten ließen. Mende-Radios im schicken Jugendstil-Holzdesign zum Beispiel – aus dieser Fabrik gingen nach dem Krieg mit „Nordmende“ in der Bundesrepublik und dem Funkwerk Dresden in der DDR gleich zwei wichtige Radio-Hersteller hervor.

Video-Impressionen aus dem Radiodepot (hw):


Während ich noch durch die Radioregalreihen schlendere, stimmt plötzlich aus einer dunklen Ecke klackernd ein alter Schlager im typischen Schellack-Klang an: Walther hat eine alte Rundfunk-Truhe in Gang gesetzt. Ein Luxusartikel, nach dem sich jeder Sammler heute alle Finger lecken würde. Massiv in Holz gearbeitet, strahlt das hüfthohe und schummrig leuchtende Möbel ganz den Zeitgeist der 1950er Jahre aus: In der Mitte ein Röhrenradio im satten Elektronenröhren-Sound – „bis heute gibt es klangtechnisch nichts besseres“, so Walther -, darunter ein vollautomatischer Schallplattenspieler, auf dem eine Schellackscheibe kreist. Auf der einen Seite ist ein Nähkästchen für die Damen integriert, auf der anderen eine Mini-Bar für die Herren – jede Feministin würde heute Sturm laufen.

Sender-Illumination mit früher Lichtleitertechnik

Besonders stolz ist Ingenieur Walther, der ehrenamtlich im TSD-Förderverein das Rundfunk-Depot betreut, auf ein auffälliges Stück weiter hinten: Der Rundfunkempfänger „Geographic 39“ der längst untergegangenen österreichischen Fabrik „Ingelen“ zeigt eine Karte des „großdeutschen Reiches“ und Europas, die eingestellte Funkstation wird als leuchtende Stadt illuminiert. Mit LCD-Bildschirmen und LEDs wäre dies heutzutage problemlos realisierbar – vor 73 Jahren musste sich Ingenieur Ludwig Neumann (= Ingelen) etwas ganz besonders Ausgebufftes dafür einfallen lassen: Er setzte auf eine Frühform heutiger Glasfaser-Lichtleiter und ließ seine Arbeiterinnen in mühevoller Handarbeit hauchdünne Glasröhrchen so zu zurechtflechten, dass das Licht eines Lämpchens hinter der Verkleidung genau zu der Stadt beziehungsweise der Station gelotst wurde, die per Drehrad eingestellt worden war. „Ein Rarität, für die Sammler heute ein paar Tausender hinblättern würden“, schätzt Walther ein.

Natürlich finden wir auch die „Goebbels-Schnauze“ im Depot, denn ein Teil dieser Volksempfänger wurde auch in Dresden hergestellt. Ebenso Rundfunkempfänger von Robotron, Blaupunkt, Telefunken, Koch & Sterzel und all den anderen Herstellern, die einst den Markt mit ihren Kreationen fluteten. Auch Kuriositäten finden sich hier wie beispielsweise das Stern-Radio „Stradivari“ aus DDR-Produktion mit motorisierten „Automatik“-Sendersuchlauf und Kabelfernbedienung oder die ganz frühen Rundfunkempfänger, bei denen man das Signal noch von Hand gleichrichten musste.

DDR-Mangelwirtschaft: Giganto-Schalter statt Uhr eingebaut

Ein anderes Regalfach zeigt ein typisches Beispiel für die DDR-Mangelwirtschaft: Weil das Computerkombinat „Robotron“ von der Staatsführung auch zu einer Konsumgüterproduktion verpflichtet wurde, entwickelten die Robotroner das Radio „Lausitz“ mit einer großen Analoguhr. Weil aber Uhrenproduzent Ruhla oft nicht zuliefern konnte, gab es schließlich zwei Ausführungen, die im TSD-Depot aufbewahrt werden: Ein Radio mit Ziffernblatt und eine Version, an der in die Uhrenaussparung – mangels Uhr – kurzerhand ein handgroßer „Ein-Aus-Schalter“ aus Plaste eingebaut wurde.

Ergonomische Tastatur vor 100 Jahren: Rota-Schreibmaschine mit runder Tasteanordnung im TSD-Depot. Foto.: hw

Ergonomische Tastatur vor 100 Jahren: Rota-Schreibmaschine mit runder Tasteanordnung im TSD-Depot. Foto.: hw

1320 Radios sind es insgesamt, die allein im Rundfunkdepot der TSD lagern – gar nicht zu reden von den über 1500 Schreibmaschinen, unzähligen Rechenmaschinen und historischen Computern, einer kleineren Weckersammlung und vielen anderen Gerätschaften, die das Technikmuseum in Striesen hinter verschlossenen Türen verwahrt. Viel zu viel, um es alles auszustellen, wie TSD-Sprecherin Maren Dose mit Bedauern einräumt.

Wenigstens einige dieser – europaweit teils einzigartigen – Technikschätze könnten allerdings in naher Zukunft vielleicht wieder der Öffentlichkeit zugänglich werden. Denn die alten Kamera-Werke, in denen die Technischen Sammlungen residieren, werden schrittweise von der Stadt saniert, ein größerer Abschnitt ist gerade im Bau. Museumsdirektor Roland Schwarz schmiedet Pläne, eine größere Dauerausstellung über die Rechentechnik „Made in Saxony“ zu etablieren – die Finanzierung dafür steht allerdings noch aus. Heiko Weckbrodt

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