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Im Stasi-Ministerium soll größtes Echtzeit-Puzzle der Welt hinter Glas rätseln

Umgerüstete Matrix-Scanner lesen die Akten-Schnipsel so ein, dass auch die Rückseite später rekonstruierbar ist. Abb.: BStU

Der ePuzzler beim Probedurchlauf – demnächst soll er die Massen-Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten beginnen. Er ist auch als Hauptattraktion in einer „Gläsernen Manufaktur“ auf dem Berliner „Campus der Demokratie“ vorgesehen. Abb.: BStU

Bundesbeauftragter Jahn plant „Campus der Demokratie“ in Berlin und Dresden
BStU-Chef Roland Jahn

BStU-Chef Roland Jahn. Abb.: BStU

Berlin/Dresden, 23. November 2012: Das Gelände des früheren DDR-Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg soll ein „Campus der Demokratie“ werden. Das hat der Bundesbeauftrage für Stasi-Unterlagen (BStU), Roland Jahn, während eines Besuches in Dresden – wo ebenfalls solch ein Campus entstehen soll – vorgeschlagen. Als besonderen Clou möchte er dort „das größte Echtzeit-Puzzle der Welt“ installieren: Hinter Glas soll der von der Fraunhofer-Gesellschaft entwickelte „ePuzzler“ mit Computerhilfe live vor den Augen der Besucher zerrissene Stasi-Akten wieder zusammensetzen.

ePuzzler soll geschredderte Stasi-Akten aus 16.000 Säcken rekonstruieren

Insgesamt 16.000 Säcke voll solcher brisanten Papiere – darunter auch Akten von Markus Wolfs Auslandspionen – hat der BStU in teils geheimen Depots gelagert. Darin befinden sich Akten, die die Stasi im Wendeherbst 1989 in aller Eile geschreddert und per Hand zerrissen hatte, als ihr die Demonstranten auf die Pelle rückten.

Das Büro von Stasi-Minister Erich Mielke, links der Panzerschrank. Abb.: hw

Das Büro von Stasi-Minister Erich Mielke, links der Panzerschrank. Abb.: hw

In den ministeriellen Plattenbauten zwischen Frankfurter Allee und Normannenstraße befindet sich bereits das Stasi-Museum mit dem Orginal-Dienstzimmer des letzten Stasi-Ministers Erich Mielke (SED) und sind zahlreiche Opfer-Vereine angesiedelt. Dorthin will Jahn künftig auch das zentrale Stasi-Archiv und die BStU-Behörde verlagern, die jetzt noch nahe am Alexanderplatz in Berlins Stadtmitte eingemietet sind. Zudem könne möglicherweise das Archiv des DDR-Dissidenten Robert Havemann auf solch einen „Campus der Demokratie“ verlagert werden.

Die Idee dahinter: An authentischen Orten der Repression sollen Besucher und Forscher künftig Geheimdienst-Akten lesen und sich gleich nebenan den bürokratischen Apparat der Stasi und die oft tragischen Folgen anschauen können. Thematisieren will Jahn auf dem Campus auch das Jetzt und Heute: die Gefahren von Datensammelwut à la Stasi im Internet-Zeitalter beispielsweise oder den Erfahrungsaustausch über Diktatur-Aufarbeitung mit internationalen Besuchern.

Bogen von der Datensammelwut der Stasi bis zum Facebook-Zeitalter

„Wir wollen unsere Geschichte auch für junge Leute aufarbeiten und einen Bezug zum Heute herstellen“, erläuterte Jahn seine Idee. „Wenn wir in unserer Behörde Jugendliche zu Besuch haben und über die Datensammelwut der Stasi berichten, kommen die jungen Leute von selbst immer öfter auf den Datenschutz bei Facebook zu sprechen.“

Andererseits bekomme die Behörde verstärkt Besuche aus Tunesien und anderen arabischen sowie lateinamerikanischen Ländern, die autoritäre Regime gestürzt haben: „Dort gilt Deutschland als Vorbild für eine transparente und konsequente Aufarbeitung der Vergangenheit“, sagte Jahn.

Plan: Dresdner Stasi-Archiv zieht zur Gedenkstätte „Bautzner Straße“
Das Stasi U-Hafthaus an der Bautzner Straße soll Teil des Dresdner "Campus' der Demokratie" werden. Abb.: hw

Das Stasi U-Hafthaus an der Bautzner Straße soll Teil des Dresdner „Campus‘ der Demokratie“ werden. Abb.: hw

Ähnliche Lernorte der Demokratie will Jahn in ausgewählten früheren DDR-Bezirkstädten wie Dresden, Rostock und Chemnitz realisieren – überall dort, wo es noch authentische Gedenkorte gibt. In Dresden zum Beispiel soll ein „Campus der Demokratie“ auf dem Gelände der „Gedenkstätte Bautzener Straße“ entstehen, die derzeit für knapp zwei Millionen Euro um- und ausgebaut wird. Dorthin sollen das Dresdner Stasi-Bezirksarchiv und die BStU-Außenstelle umziehen, die derzeit noch in einer früheren Fabrik an der Riesaer Straße residieren.

„Eine vorzügliche Idee“, meint Dresdens Ex-Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU), der jetzt  den Gedenkstätten-Trägerverein „Erkenntnis durch Erinnerung“ leitet. „Die Akten hätten niemals von hier wegtransportiert werden sollen, finde ich persönlich.“ Ursprünglich hatte die Staatssicherheit ihr Bezirksarchiv in einem Altbau unetrgebracht, der nun nicht mehr zur Verfügung steht. Daher muss nun zunächst geprüft werden, ob die Stasi-Plattenbauten vorne an der Bautzner Straße, die jetzt als Standort-Kandidat gelten, überhaupt die Traglast von zehn Aktenkilometern aushalten.

Verewigungstendenz der Unterlagenbehörde befürchtet

Allerdings gibt es auch Gegenwind für die Campus-Idee: Mehrere Bundestagsabgeordnete befürchten, dass Jahn damit seine Behörde auf ewig verstetigen will – obwohl es prinzipiell den Plan gibt, den BStU irgendwann abzuschaffen und die Stasi-Akten letztlich ins Bundesarchiv zu integrieren. Auch von daher ist im Bundeshaushalt für 2013 kein Geld für Jahns Campus-Projekt eingeplant, es könnte also frühestens 2014 angegangen werden.

Historiker gegen Integration ins Bundesarchiv
Dr. Thomas Widera. Abb.: HAIT

Dr. Thomas Widera. Abb.: HAIT

Als Wissenschaftler hält jedoch Dr. Thomas Widera – er ist Vorstand des Dresdner Gedenkstätten-Trägervereins „Erkenntnis durch Erinnerung“ und Historiker am Dresdner Hannah-Arendt-Institut – eine Integration der Stasi-Unterlagen ins Bundesarchiv für vorerst keine gute Idee: Eine Übernahme dieser Aktenmengen – die Rede ist immerhin von 111 Aktenkilometern und zahlreichen Nebenbeständen – für „schwer vorstellbar“. „Ein großer Teil dieser Akten ist noch nicht einmal erschlossen“, warnte er. Sie aus dem Zusammenhang zu reißen und in ein zentrales Archiv zu verlagern, werde den Erschließungsprozess bestimmt nicht fördern. „Wir als Historiker plädieren dafür, den Aktenbestand so zu erhalten, wie er jetzt ist.“ Heiko Weckbrodt

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  1. Natt Saeng sagt

    Gute Idee mit der Erinnerungsstätte. Wie wäre es denn mit der Reservierung weiterer Gebäudeteile für eine Aufstellung der Menschenrechtsverletzungen, die bis 1990 von anderen Staaten oder politischen Gruppierungen begangen wurden und insbesondere heute noch begangen werden. Wenn die Absicht ehrlich sein soll, dann gehören beispilesweise auch amerikanische Gefangene mit Ketten an den Füßen in ein solches Kabinett, egal ob das Experiment mit positiven Erwartungen zur Resozialisierung verbunden wird. Gerade dieses Argument scheint mir sehr belastet, denn es steht in großen Buchstaben über einem Tor in Deutschland, das heute auch zu einer Gedenkstätte führt. Nochmal: Die Machtbereiche des Sozialismus/Kommunismus überschritten auch bei größtem Verständnis der historischen Bedingungen selbst gesetzte Grenzen, teilweise erheblich. Aber wenn ich mich ehrlichen Herzens für Menschenrechte einsetze, dann sollte ich keine Brille aufsetzen, die nur die „roten Taten“ sichtbar machen.

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