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Mehr staatliche Hilfe für Organik-Technologiekern Dresden gefordert

Ein Heliatek-Mitarbeiter prüft in der Dresdner Fabrik ein organisches Solarmodul. Seit zwei Wochen spuckt die Anlage funktionsfähige Muster aus, in zwei Monaten sollen verkaufsfähige Produkte bereit stehen. Abb.: Heliatek

Ein Heliatek-Mitarbeiter prüft in der Dresdner Fabrik ein organisches Solarmodul. Abb.: Heliatek

Verband: Standort droht sonst Spitzenposition an Asien zu verlieren
Dominik Gronarz, Abb.: OES

Dominik Gronarz, Abb.: OES

Dresden, 22. November 2012. Um eine politische – und letztlich finanzielle – Unterstützung des noch jungen Technologiekerns „Organische Elektronik“ in Dresden hat Dominik Gronarz geworben, der Chef des Verbandes „Organic Electronics Saxony“ (OES). Der Standort Dresden könne durchaus seine Technologieführerschaft in diesem Segment in den nächsten Jahren verlieren, wenn sich EU, Bund und Land nicht stärker engagieren, warnte er. „Die Konkurrenz in Fernost schläft nicht“, sagte Gronarz. „Dort werden teils erhebliche Summen in die organischen Technologien gesteckt.“ Nötig seien daher auch in Dresden Beihilfen und private Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.

Unter organischer Elektronik versteht man in der Branche vor allem Schaltkreise, Solarzellen und Leuchtdioden auf organischer Basis sowie gedruckte Kunststoff-Chips. Im Gegensatz zu klassischen Computerchips, Photovoltaik-Zellen und LEDs werden sie nicht aus starrem Silizium gefertigt, sondern bestehen aus kurzen organischen Kohlenwasserstoffverbindungen, die biegsam sind, eine superdünne Bauweise ermöglichen und teils auch durchsichtig sind.

Prof. Karl Leo. Abb.: IPMS

Prof. Karl Leo. Abb.: IPMS

„Organische Elektronik kann auf fast jeder Unterlage aufgebracht werden, wie auf Kunststoff- und Metallfolien, auf Kleidung, Pflastern und Papier“, erklärte Professor Karl Leo vom Photonik-Institut der TU Dresden, einer der „Väter“ des Dresdner Organik-Clusters. „Dies erlaubt völlig neue Bauelemente wie flexible, transparente Leuchtdioden und Solarzellen, oder intelligente Etiketten oder Tickets. Denkbar wären beispielsweise Fenster, die tagsüber mit transparenten Solarzellen Energie erzeugen und nachts als Leuchtdiode ganzflächig leuchten.“ Und: „Aufgrund des geringen Materialverbrauchs und der unkritischen Materialien ist diese Technologie sehr umweltfreundlich.“

Über 1000 Jobs in Dresdner Organikbranche entstanden

Im Großraum Dresden arbeiten mittlerweile über 1000 Ingenieure, Forscher und andere Experten in über 40 Unternehmen und 17 wissenschaftlichen Einrichtungen an diesen Technologien, das sind etwa fünf Prozent mehr Jobs als im Vorjahr. Ihre Wirtschaftskraft wurde bisher noch nicht genau ermittelt, dürfte aber bei 50 bis 100 Millionen Euro Jahresumsatz liegen – ein beachtlicher Wert, wenn man bedenkt, dass dieser Technologiekern erst vor etwa zehn Jahren entstanden ist.

Inzwischen gehört das Organik-Cluster Dresden zu den fünf führenden Standorten weltweit, schätzt Gronarz. Und mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. Auch US-Marktforschungsunternehmen wie „IDTechEx“ oder der Halbleiterverband „SEMI“ bescheinigen dem Dresdner Cluster eine bedeutende Stellung im internationalen Wettbewerb.

Zu diesen Weltmarktführern in der Nische gehört die Dresdner „Novaled“, die Kernzutaten und Know-How für Organische Leuchtdioden (OLEDs) an große Elektronikkonzerne wie Samsung und LG liefert. „Führende Hersteller der Unterhaltungselektronik setzen inzwischen Novaled-Know How und -Material für die Produktion ihrer OLED Displays ein“, erklärte Novaled-Sprecherin Anke Lemke und nannte als Beispiel das gefragte OLED-Computertelefon „Galaxy S“ von Samsung. Der südkoreanische Konzern rechne damit, dass OLED Displays mittelfristig die LCD- Bildschirme ablösen werden.

Ass im Ärmel: biegsame Farbdisplays auf Kunststoffbasis, die auch Videos darstellen kann - damit steht Plastic Logic weltweit ganz vorne. Abb.: PL

Biegsame Farbdisplays Plastic Logic auf Kunststoffbasis, die auch Videos darstellen können. Abb.: PL

Weitere Organik-Champions sind die Firma „Heliatek“, die derzeit in Dresden-Kaditz die weltweit erste Fabrik für eine Vakuum-Rollenproduktion biegsamer und transparenter organische Solarzellen hochzieht, oder der Kunststoff-Bildschirm-Hersteller „Plastic Logic“. Aber auch hoch spezialisierte Anlagenhersteller wie Creaphys Dresden, Xenon Dresden oder FHR in Ottendorf-Okrilla sind mit an Bord, genauso Denkfabriken wie die Fraunhofer-Einrichtungen Comedd und IPMS oder die TU Dresden.

„Brauchen Großinvestoren und Anreize durch die Politik“

Gerade aber Technologieführer wie Novaled und Heliatek hängen bis heute am Tropf von Risikokapital-Gebern. Für einen Übergang in die Massenfertigung wäre jedoch ein erheblich höherer Kapitaleinsatz als bisher nötig. „Wir brauchen Großinvestoren und wir brauchen Anreize durch die Politik“, betont daher Gronarz. Notwendig seien in den nächsten Jahren Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe, damit der Organikstandort Dresden die nächste Entwicklungsstufe hin zur massenhaften Fertigung von Endprodukten schaffe. Denkbar seien sowohl eine direkte staatliche Förderung wie auch großzügigere Bedingungen für private Investoren.

„Ich halte es für ein realistisches Ziel, in Dresden die gesamte Wertschöpfungskette von der Organik-Forschung bis zum Endprodukt zu etablieren“, sagte er. „Wenn Deutschland Autos produzieren kann, mit der ganzen Zulieferkette, die daran hängt – warum dann nicht auch Endprodukte der organischen Elektronik?“ Heiko Weckbrodt

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