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„Fahrenheit 451“: Bradburys Warnung vor Kulturzerstörung ist aktueller denn je

Abb.: Heyne

Abb.: Heyne

Guy Montag ist Feuerwehrmann. Statt Brände zu löschen, legt er sie. Der Duft von Kerosin ist sein liebstes Parfüm, auf seiner Uniform trägt er stolz die „451“ – die Temperatur in Grad Fahrenheit, aber der Bücher zu brennen beginnen. Denn genau das ist Montags Job, ganz offiziell: Er befreit die Welt von Büchern, von Sartre, Schopenhauer, Dostojewski, denn die machen – anders als das Fernsehen – die Menschen nur unruhig, unglücklich. Doch eines Tages beginnt Montag selbst aus Neugier zu lesen…

„Fahrenheit 451“ war Ray Bradburys (1920-2012) dystopische Verneigung vor dem Lesen. Formal ist der 1953 erstmals verlegte Roman Science-Fiction, doch im Kern ist er eine düstere Zukunftswarnung, die in einer Tradition mit Samjatins „Wir“, Huxleys „Schöner Neuer Welt“ oder Orwells „1984“ steht.

Zweimal verfilmt

Verfilmt wurde der Stoff gleich zweimal: 1966 widmete sich Frankreichs Meister François Truffaut („Sie küssten und sie schlugen ihn“) das erste und wohl das einzige Mal dem Sci-Fi-Genre zu und hielt sich in seinem „Fahrenheit 451“ recht nahe an der Romanvorlage. 36 Jahre später drehte Kurt Wimmer („Sphere“) mit „Equilibrium“ und Christian Bale in der Hauptrolle eine recht freie Adaption, die sichtlich von „1984“ und „Matrix“ beeinflusst war.

Bradburys Roman selbst fällt durch seine expressive Sprache auf, der ihn deutlich von der teils technischen, teils eher sparsam-nüchternen Diktion vieler Genre-Kollegen abhebt. Das innere Geschehen Montags, der Empfindenswandel vom Saulus zum Paulus, stehen im Zentrum der Geschichte – was in den Verfilmungen naturgemäß schwer transportierbar war.

Auch technologisch prophetisch: MP3-Player und Flach-TV vorhergesagt
Ray Bradbury (1920-2012). Abb.: Alan Light, Wikipedia, CC-Lizenz

Ray Bradbury (1920-2012). Abb.: Alan Light, Wikipedia

Völlig nebensächlich sind bei Bradbury freilich die äußeren, die technischen Dinge seiner bedrückenden Zukunftswelt nicht: Wie sich Menschen einander entfremden und auf technologisch induzierte Unterhaltung fokussieren, drückt sich eben auch in den „Bildwänden“ voll seichter Seifenopern aus, in die Montags Frau flüchtet, oder in den „musikalischen Insekten im Ohr“, die sie glückrieselnd von der Außenwelt abkapseln. In einem seiner späten Interviews, als iPod und Flachbild-Fernseher inzwischen erfunden waren, berichtet im Bradbury durchaus stolz von einer Episode, in der ihm ein japanischer Ingenieur einen MP3-Player unter die Nase hielt mit den Worten: „Fahrenheit 451!“.

Fazit:

Trotz einiger logischer Mängel (Warum kennen Montags Vorgesetzte in der Buch-Tabuwelt den Inhalt von Büchern? Wie hat Montag überhaupt Lesen lernen können?) ist „Fahrenheit 451“ längst ein Klassiker dystopischer Literatur geworden, der sich auch heute noch genussvoll liest.

Abb.: Hayne

Abb.: Hayne

Ein deprimierendes Gefühl bleibt immer noch zurück: Wenn heute von einer zunehmenden Zahl „bildungsferner Familien“ oder vom Tod des Buches auf dem Altar internetgestützer Leseunlust die Rede ist, dann zeigt das nur: Es bedarf gar nicht mal Bradburys Buchverbrennungsfeuerwehr oder einer totalitären Obrigkeit, damit mehr und mehr Menschen vom wirklichen Lesen ablassen. Heiko Weckbrodt

Ray Bradbury: „Fahrenheit 451“ (Original: 1953), Hayne-Verlag, München 2010, Sci-Fi, 304 Seiten, Taschenbuch 12 Euro, ISBN: 978-3-453-52703-4

Leseprobe: hier

 

Zum Weiterlesen:

Truffauts „Fahrenheit 451“ auf DVD

Wimmers Adaption „Equilibrium“ auf DVD

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