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Dresdner Notfallverbund schafft „Erste Hilfe“-Feuerwehrzug für Kunstschätze an

Die Visualisierung zeigt ein Szenario, in dem der Kulturgut-Rettungszug künftig anrücken wird: Stünde das Dresdner Albertinum in Flammen, müssten wertvolle Kunstschätze rasch in Sicherheit gebracht und vor Ort "notverarztet" werden. Montage: Alexander Eylert

Die Visualisierung zeigt ein Szenario, in dem der Kulturgut-Rettungszug künftig anrücken wird: Stünde das Dresdner Albertinum in Flammen, müssten wertvolle Kunstschätze rasch in Sicherheit gebracht und vor Ort „notverarztet“ werden. Montage: Alexander Eylert

Ab 2013 rückt sachsenweit „Notfallzug Kulturschutzgut“ an, wenn Bücher, Bilder und Urkunden in Gefahr sind

Dresden, 7. November 2012: Wenn’s brennt, kommt die Feuerwehr, ist doch klar. Aber was, wenn Bibliotheken, Museen oder Archive in Flammen stehen? Welchen Schaden Löschwasser an wertvollen Dokumenten anrichten kann, weiß Dresden spätestens seit 1945, als zum Beispiel der unersetzbare „Maya-Kodex“ schwer lädiert wurde, nur zu gut. Deshalb wird die Feuerwehr in Dresden ab kommendem Jahr in solchen Fällen mit einem „Mobilen Notfallzug Kulturgutschutz“ anrücken – gewissermaßen eine Umkehrung von Ray Bradburys legendärer Dystopie „Fahrenheit 451“.

Der Kulturrettungszug wird in der Praxis aus einem Trägerfahrzeug der Feuerwehr und einem Notfallcontainer bestehen, in dem „Erste Hilfe“-Gerätschaften für angekokelte Urkunden und Bücher, löschwasserdurchnässte Gemälde und ähnliche Kulturschätze gelagert sind. Dazu gehören zum Beispiel Reinigungsmittel, Spezialbekleidung für die Kunstschatzretter, Transporthilfen für großformatige Bilder und Kunststofftüten, in denen etwa Archivalien provisorisch verschweißt werden, damit sie zur Gefriertrocknung gebracht werden können.

Ausschnitt aus Truffauts Verfilmung von "Fahrenheit 451" - in der Romanvorlage zeichnete Ray Bradbury die düstere Zukunft einer Welt, in der Feuerwehrmänner Bücher verbrennen. Wie der Dresdner Rettungszug zeigt, tritt genau nun das Gegenteil ein. Abb.: BSF/Universal

Ausschnitt aus Truffauts Verfilmung von „Fahrenheit 451“ – in der Romanvorlage zeichnete Ray Bradbury die düstere Zukunft einer Welt, in der Feuerwehrmänner Bücher verbrennen. Wie der Dresdner Rettungszug zeigt, tritt nun genau das Gegenteil ein. Abb.: BSF/Universal

Notfallverbund nach Kultur-Super-GAUs gegründet

„Stationiert wird der Notfallzug bei uns“, erklärte Feuerwehr-Sprecher Thomas Mende. „Wir bringen ihn dann zum Einsatzort und stellen auch Helfer bereit.“ Betreiben wird der sachsenweit ausrückende Zug vom „Dresdner Notfallverbund“, zu dem sich die Staatlichen Kunstsammlungen, die Landes- und Uni-Bibliothek SLUB, die Dresdner Stasi-Unterlagenbehörde und andere Kultureinrichtungen in Dresden vor einem Jahr zusammenschlossen hatten. Auslöser dafür waren solche Katastrophen wie der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, das Jahrhundert-Hochwasser 2002 in Dresden, der Brand in der Amalia-Bibliothek in Weimar und die Flut im Kloster Marienthal.

Bund schießt Fördergeld zu
Prof. Thomas Bürger. Abb.: SLUB

Prof. Thomas Bürger. Abb.: SLUB

Der neue Kulturrettungszug des Dresdner Notfallverbundes ist bundesweit in dieser Form durchaus ein Novum. Er soll Anfang 2013 einsatzbereit sein und wird laut Auskunft von SLUB-Generaldirektor Thomas Bürger rund 25 000 Euro kosten. Davon steuert der Bund 16 630 Euro zu. Das Geld ist Teil eines insgesamt rund 400 000 Euro teuren Programmes der Kulturstiftung der Länder und aus dem Fonds von Bundes-Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), mit dem deutschlandweit 37 Projekte „zur Sicherung bedeutender Bestände in Archiven und Bibliotheken“ gefördert werden.

Modellprojekte sollen Schutzerfahrungen für nationales Kulturerbe sammeln

„Kultur und Geschichte unserer Nation sind in überlieferten Handschriften, Urkunden, Archivalien und Büchern festgehalten“, betonte Neumann.. „Als kultureller Schatz muss dieses Erbe vor dem schleichenden Zerfall bewahrt werden und für künftige Generationen erhalten bleiben. Die aus den Modellprojekten gewonnen Erfahrungen dienen der Entwicklung eines Bestandserhaltungskonzepts zum langfristigen Schutz schriftlichen Kulturguts in ganz Deutschland.“

Bereits in den vergangenen Jahren hatte sich der Bund an ähnlichen Projekten in Sachsen beteiligt, wie SLUB-Chef Bürger unterstrich. So steuerte Berlin beispielsweise 2010 und 2011 rund 31.000 Euro bei, damit Schutzboxen für kostbare Bestände kleinerer Bibliotheken (Gymnasialbibliothek Freiberg, hochwassergeschädigte Bestände in Kloster Marienthal) angeschafft und beschädigte Bücher restauriert werden konnten. Weitere 20.000 Euro stehen bereit, um in sächsischen Pilotprojekten zu ermitteln, welche kostbaren Buchbestände mit welchen Massenentsäuerungsverfahren vor dem Verfall durch Säurefraß geschützt werden können.

Voraussichtlich im Frühjahr 2013 soll der neue Dresdner Notfallzug auch seine erste Bewährungsprobe bestehen. „Wir planen eine größere Übung gemeinsam mit Kultureinrichtungen“, kündigte Feuerwehr-Sprecher Mende an. Heiko Weckbrodt

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