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Mikroelektronik-Förderung hat sich für Sachsen rentiert

Montage: Alexander Eylert

Montage: Alexander Eylert

Dresden, 1. November 2012: Die aktive Hochtechnologie-Förderpolitik hat sich bisher für die Sachsen ausgezahlt, obgleich sie mit hohen Anlaufkosten verbunden ist. Das legen mehrere Studien und Analysen zur – in der Vergangenheit immer wieder umstrittenen – sächsischen Mikroelektronik-Förderung nahe. Demnach hängen an jedem Job in den Chipwerken mindestens zwei weitere im Umfeld. Und auf jeden zwischen 1994 und 2008 als Förderung geflossenen Euro kommen laut den Studien etwa 1,8 bis zwei Euro gesellschaftliche Rückflüsse.

Heinz Martin Esser. Abb.: Silicon Saxony

Heinz Martin Esser. Abb.: Silicon Saxony

Umstritten ist zwar die genaue Höhe dieser „gesellschaftlichen Rendite“. „Die von Freistaat, EU und anderen gezahlten Fördergelder haben sich mehrfach ausgezahlt“, ist beispielsweise Heinz-Martin Esser, der Präsident des sächsischen Hightech-Verband „Silicon Saxony“, überzeugt. Andere – wie etwa kürzlich der Plauener Landtagsabgeordneten Frank Heidan (CDU) – befürchten Nachteile für kleine Unternehmen und den Rest Sachsens, wenn sich Subventionen zu sehr auf die Dresdner Chipindustrie konzentrieren.

Die bisher vorliegenden Erhebungen des sächsischen Wirtschaftsministeriums (2012), sowie der Forschungsinstitute Prognos (2008), ifo (2008) und DIW (2002) sind sich indes in einem Punkt einig: Rentiert haben sich die von Land, Bund und EU gezahlten Hightech-Subventionen im Großraum Dresden jeweils binnen weniger Jahre für den Fiskus und die sozialen Sicherungssysteme. Außerdem erzeugen sie eine messbare Hebelwirkung für Jobs und Wirtschaftskraft in unmittelbar benachbarten Branchen. Demnach kommen auf jeden Job und jeden umgesetzten Euro in den Chipwerken etwa zwei weitere bei Zulieferern und anderen angedockten Firmen und Institutionen.

Rückflüsse als Steuern und Sozialabgaben

So beziffert die DIW-Studie „Gesamtwirtschaftliche und regionale Bedeutung der Entwicklung des Halbleiterstandortes Dresden“ die in die Dresdner Chipindustrie zwischen 1994 und 2003 geflossenen Fördermittel auf umgerechnet rund 1,2 Milliarden Euro. Dem stehen demnach im selben Zeitraum gesellschaftliche Mehreinnahmen von rund 1,85 Milliarden Euro gegenüber – in Form von Steuern sowie Minderausgaben und Einnahmen der Sozialversicherungssysteme.

Angenommene Hebelwirkung der Halbleiterindustrie für Nachbarbranchen. Abb.: Silicon Saxony/ PR-Piloten

Angenommene Hebelwirkung der Halbleiterindustrie für Nachbarbranchen. Abb.: Silicon Saxony/ PR-Piloten

Die Prognos-Studie „Der Halbleiterstandort Dresden“ wiederum betrachtet den Zeitraum von 2002 bis 2008. Sie kommt für diese Spanne auf 1,67 Milliarden Euro Beihilfen und Projektförderungen für die Dresdner Mikroelektronik und errechnete gesellschaftliche Einnahmen von rund drei Milliarden Euro. Davon entfällt die Hälfte auf Steuern, die andere Hälfte auf Minderausgaben und Zusatzeinnahmen der sozialen Sicherungssysteme. Fundierte Studien für die Zeit nach der Qimonda-Pleite 2009 liegen noch nicht vor.

Aktive Hightech-Förderpolitik begann zu DDR-Zeiten
Zwei Ingenieure testen einen "EC 1055"-Rechner im VEB Robotron-Elektronik Dresden. Abb.: Ulrich Häßler, Bundesarchiv, Wikipedia

Zwei Ingenieure testen einen „EC 1055“-Rechner im VEB Robotron-Elektronik Dresden. Abb.: Ulrich Häßler, Bundesarchiv, Wikipedia

Begonnen hatte diese aktive Hightech-Förderpolitik im Raum Dresden bereits zu DDR-Zeiten, als hier ab den 1960er Jahren mit Milliardenaufwand eine Mikroelektronik– und Computerindustrie aus dem Boden gestampft wurde. Zu nennen sind hier vor allem das Computerkombinat Robotron, das Chip-Entwicklungszentrum ZFTM (später: ZMD) und der Chipwerk-Ausrüster Elektromat.

An einige Fäden dieser Tradition knüpften Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Wirtschaftsminister Kajo Schommer (beide CDU) nach der Wende an: Sie schleppten das defizitäre ZMD auf Staatskosten durch, angelten AMD und Siemens/Infineon – auch mit Subventions-Versprechungen – für Dresden.

Von diesen Weichenstellungen und dieser aktiven Hochtechnologie-Förderpolitik – statt der Alternative „Der Markt wird’s schon richten“ – profitiert der Standort bis heute: Die Ansiedlung solcher Chipwerk-Ausrüster wie „M+W“ und „Tokyo Elektron“, das Engagement der Erfurter „X-Fab“, das Chip-Maskenzentrum AMTC oder seinerzeit die Entscheidung der Fraunhofer-Gesellschaft, das Nanoelektronikzentrum „CNT“ in Dresden zu etablieren, wären ohne die Chipwerke von AMD (heute: „Globalfoundries“), Infineon, Qimonda und ZMD kaum vorstellbar gewesen.

Elektronisches „Eco System“ mit überregionaler Ausstrahlung

Zudem hatte und hat das daraus entstandene Biotop („Eco System“) von Zulieferern, Chipwerken, Ausrüstern und Weiterverarbeitern inklusive des Reservoirs einschlägig geschulter Fachleute – über die reinen Subventionsköder hinaus – eine Eigendynamik und überregionale Ausstrahlkraft entwickelt, die zu weiteren, kleinen und mittleren Ansiedlungen führte.

Helmut Warnecke. Abb.: Silicon Saxony

Helmut Warnecke. Abb.: Silicon Saxony

Als Beispiele seien die Organikbildschirm-Fabrik der britischen „Plastic Logic“ oder das Galliumnitrid-Waferwerk der Magdeburger Firma „Azzurro“ genannt.
„Als wir in München in der Zentrale um die 300-Millimeter-Leistungshalbleiterfabrik für Dresden gekämpft haben, sind wir dort vor allem mit der Forschungsförderung und den Standortvorteilen in Sachsen hausieren gegangen“, betont der Dresdner Infineon-Geschäftsführer Helmut Warnecke. Und diese Argumente zogen schließlich: Statt im malayischen Kulim wird die innovative Fabrik nun in Dresden eingerichtet, Kostenpunkt: rund 350 Millionen Euro.

Rund 51 000 Jobs in Sachsens Hightech-Wirtschaft

All dies entwickelte auch Hebelkräfte für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaftskraft in der Region. Laut der jüngsten „Datenerhebung für die Mikroelektronik- und IKT-Branche in Sachsen“ des sächsischen Wirtschaftsministeriums vom April 2012 arbeiten landesweit 8889 Beschäftigte in 121 Mikroelektronik-Betrieben, die einen Jahres-Umsatz von 2,59 Milliarden Euro generieren. Zählt man unmittelbar davon abhängige Zulieferer, industrienahe Entwicklungskapazitäten und Zeitarbeitsfirmen für die Chipfabriken dazu, kommt man auf 336 Betriebe mit 24.970 Beschäftigten und 5,76 Milliarden Euro Umsatz – macht ein Verhältnis von 1 zu 1,8 bei den Jobs und 1 zu 2 beim Umsatz.

Die jüngste Erhebung über Jobs und Umsatz in der Mikroelektronik und allen benachbarten Branchen in Sachsen. Abb.: SMWA

Die jüngste Erhebung über Jobs und Umsatz in der Mikroelektronik und allen benachbarten Branchen in Sachsen. Abb.: SMWA

Rechnet man nun die gesamte elektroniknahe Wirtschaft im Freistaat zusammen – die nicht zwingend unmittelbar von den Chipwerken abhängt, aber von deren „Eco System“ profitiert –, dann wird die Hebelkraft noch größer: Denn in der gesamten sächsischen Hightech-Wirtschaft, zu der in der ministeriellen Erhebung zum Beispiel auch Software-Schmieden, Kommunikationstechnik und Elektronikhandel gezählt werden, sind inzwischen 51 660 Menschen in 2102 Betrieben mit 10,9 Milliarden Euro Umsatz beschäftigt. Heiko Weckbrodt

1 Kommentare

  1. … ein Anfang ist gemacht! Doch sollte nicht vergessen werden, dass die Zeiten extensiver Förderung künftig langsam zu Ende geht.

    Hier ist es dann die Herausforderung mit dem, was bisher bereits in Sachsen als Infrastruktur und technologisches Ökosystem etabliert ist weiterzuentwickeln zu einem sich selbst finanzierenden und über die gesamte Wertschöpfungskette von der Chipforschung, der Chipproduktion hin zur App (dies geschieht zur Zeit in großem Umfang in Berlin, das weltweit als Innovationshochburg Deutschland gilt) und den dazugehörigen Startups, KMUs und großen Chipfertiger und angeschlossenen Lieferanten, Forschungsinstituten und Dienstleistern.

    Am Rande von IEEE Technology Time Machine ließ folgendes Zitat eines der IEEE Organisatoren aufhorchen:

    „Trying to figure out how the (profit generating) engine works!“

    Die Sächsische Zeitung vom 2. November 2012 legt einige Ideen zugrunde, wie dies mit Hilfe der Kunst und durchaus innovativer und agiler Köpfe in Dresden und über weltweite Vernetzung zu bewerkstelligen ist.

    Das die Unterstützung von Leuchttürm-Clustern lediglich ein Anfang sein kann legt Singularity University Head of Innovation and Entrepreneurship, Vivek Wadhwa (@wadhwa auf Twitter) in seinem Artikel in der Washington Post dar, der hier von Rainer Wasserfuhr via Google+ geteilt wurde:

    https://plus.google.com/104902405791729007647/posts/gpt2fBLe4CJ

    Direktlink zum Artikel: http://wapo.st/pafq4V

    Können wir gemeinsam ein neues Zeitalter in Sachsen einläuten?

    Ich und einige andere sind dessen sicher. Sprechen wir uns auf dem 2. Sächsischen Innovationsgipfel am 8. November in der Glücksgas Arena, um ins Gespräch zu kommen und das Land nicht nur fit für die Zukunft zu machen, sondern seine mehr als innovativen und kreativen Bürger für die Visionen der Zukunft mitzunehmen.

    Beste Grüße
    Ralf Lippold
    http://about.me/RalfLippold

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