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„Das Alphabethaus“: Adler-Olsens früher Krimi über Piloten in der Nazi-Klapse

Abb.: dtv

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Die deutsche Flak holt zwei britische Piloten kurz vor Kriegsende vom Himmel. Bryan und James können sich zwar mit dem Fallschirm retten, landen aber auf der Flucht vor ihren Häschern in einem höchst zweifelhaften Irrenhaus nahe Freiburg – dem „Alphabethaus“. In seinem Erstlingsroman, der erst kürzlich in Deutschland erschienen ist, konstruierte der dänische Star-Krimiautor Jussi Adler-Olsen („Erbarmen“) 1997 einen Psychiatrie-Thriller, der sich von den letzten Monaten des „Dritten Reiches“ bis in die 1970er Jahre erstreckt – allerdings noch nicht das stilistische und konzeptionelle Niveau seiner späteren Mørck-Krimis erreichte.

Das macht sich vor allem stilistisch und sprachlich – jedenfalls in der deutschen Übersetzung – bemerkbar. Vor allem anfangs stolpert der Leser über eine etwas plakativ-holprige Sprache und auch manche Ungereimtheiten (Beispiel: Vermischung von SS und Wehrmacht). Auch wedelt Adler-Olsen mit Blick auf die Nazi-Vergangenheit etwas heftig mit dem pädagogischen Zeigefinger.

Was kann der menschliche Verstand aushalten, ohne zu zerbrechen?

Allerdings gewinnt der Krimi später an erzählerischer Qualität und da bahnt sich schon konzeptionell mancher Kniff an, der die späteren Krimis des Dänen zu Kassenschlagern machte: Die beklemmende Schilderung des Psychiatrie-Alltags etwa, wie er den geistigen Verfall der Insassen seziert, wenn sich die beiden Briten im Alphabethaus als irre gewordene SS-Offiziere ausgeben und durch Elektroschocks und Chlor-Präparate von Simulanten in wirklich geistig Verkrüppelte zu wandeln drohen.

Der eine flieht, der andere bleibt zurück – und eine Suche beginnt

Das eigentlich Krimihafte, das schon ein wenig an die Recherchen eines gewissen Kopenhagener Kommissars erinnert, setzt erst in Teil 2 ein, in dem wir 30 Jahre weiter springen und die so un-superheldische Puzzelei von Bryan verfolgen. Der nämlich konnte nach einem halben Jahr aus dem Lazarett des Grauens entfliehen – seinen wehrlosen Kumpel James zurücklassend. Seitdem plagen ihn Gewissensbisse, bis er sich in den 1970ern schließlich noch einmal auf die Suche nach James macht – und dabei auf eine Mauer alter Nazi-Seilschaften stößt.

Anders als in seinen Mørck-Krimis verwebt der Autor hier indes noch nicht raffiniert die Zeitebenen, sondern verwendet noch konventionelle, fast strikt chronologische Erzählmuster.

Fazit: Wer das „Alphabethaus“ liest, versteht rasch, warum die deutschen Verlage mit einer Übersetzung zögerten – die Qualität von „Erbarmen“ & Co. hat dieses Erstlingswerk einfach nicht. Dennoch: Sieht man über einige sprachliche und konzeptionelle Schwächen hinweg, zeigte sich hier schon das erzählerische Talent des Dänen. Heiko Weckbrodt

Jussi Adler-Olsen: „Das Alphabethaus“, dtv, München 2012 (dän. Original 1997), 592 Seiten, ISBN 978-3-423-24894-5, Taschenbuch 16 Euro, eBuch (Kindle) 14 Euro

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