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Destruktiv-schöne „Melancholia“: Kirsten Dunst umarmt (nackig) den Untergang

Justine (Kirsten Dunst) badet im Licht des nahenden todverheißenden Planeten. Abb.: BSF

Justine (Kirsten Dunst) badet im Licht des nahenden todverheißenden Planeten. Abb.: BSF

Wer sich schon immer gefragt hat, wie die Hölle wohl schmecken mag, sollte die Familienfeste der „Dogma“-Regisseure besuchen: Erinnert sei nur an die Familienheuchelei mit krönender Vivisektion in Thomas Vinterbergs „Das Fest“ von 1998. Und inzwischen hat auch von Lars von Trier („Geister“, „Idioten“) das Thema aufgenommen, wenn auch mit anderem Schwerpunkt: In „Melancholia“ wird die Hochzeitsfeier für die schwer depressive Justine (Kirsten Dunst) zur „Ich muss glücklich sein“-Tortur unter lächelndem Schleier, zum Sturz in den Abgrund – für sie und die gesamte Menschheit, aufgefressen und umschlungen vom Riesenplaneten „Melancholia“, der die Erde wegputzt wie ein rohes Ei.

Nach außen Sci-Fi, innerlich die Vivisektion seelischen Verfalls

Äußerlich ist „Melancholia“ ein Science-Fiction-Drama, im Kern jedoch die Ansicht seelischen Zerfalls. Denn für von Trier sind die apokalyptischen Zutaten nicht nur schauwertsteigernde Würze, sondern vor allem Metaphern für die Selbstdemontage einer kranken Persönlichkeit. Für die Krankheitsstadien Traurigkeit, Auflehnung, Niederlage, Apathie, Kontrollverlust, Vernunftverlust und schließlich Akzeptanz des Unausweichlichen, die der Däne hier in faszinierender Bildkraft einer klug eingesetzten Handkamera und dabei so schauspielerisch authentisch seziert.

Gefangen im Netz der Depressionen. Abb.: Concorde

Gefangen im Netz der Depressionen. Abb.: Concorde

Wenn sich Frau Dunst zum Beispiel nackt im schaurig-schönen Licht des nahenden Planeten rekelt (was dem Film schon vorab einige kalkulierte Schlagzeilen beschert hatte), dann nimmt sie Melancholia, die Traurigkeit, wie einen Liebhaber an, gibt sie den anderen Bräutigam, den menschlichen ihrer Hochzeitsfeier, auf, um dessentwillen sie eben noch so verzweifelt die glückliche Braut für die bucklige Verwandtschaft gespielt hat. Und dass ausgerechnet ihr Schwager John (Kiefer Sutherland), der Wissenschaftsverliebte, als erster stirbt, ist auch kein Zufall: Er steht für den Abgang der Ratio in der Endphase der Depression.

Staraufgebot vor der Handkamera

Überhaupt hat der umstritten-vielgelobte Däne ein Staraufgebot verpflichten können: Neben Dunst und Kieferland zum Beispiel Charlotte Rampling als lieblose Mutter oder Charlotte Gainsbourg als Justines Schwester Claire, die im Laufe des Untergangs mit ihrer Schwester die Rollen tauscht. Auch John Hurt, Udo Kier und Stellan Skarsgard haben ihre starken Kurzauftritte.

Schalk von Trier: Von all meinen Filmen hat Melancholia das glücklichste Ende

Von Triers neues Meisterstück ist nun auf DVD erschienen, die man sich vorzugsweise auf der Heimleinwand ansehen sollte, um die diskret gesetzten Nuancen genießen zu können. Auch die Bonussektion sei empfohlen, in denen sich Regisseur, Kameramann und Mimen nicht nur – wie in anderen Making-Ofs –gegenseitig Honig ums Maul schmieren, sondern wirklich etwas zu sagen haben, in denen aber auch Optik sowie psychologische und astrophysikalische Hintergründe reflektiert werden.

Abb.: Concorde

Abb.: Concorde

Und hier provoziert Lars von Trier wieder mal schalkhaft, wenn er da tönt, von all seinen Filmen habe „Melancholia“ noch am ehesten ein „Happy End“, da sich darin zwei Schwestern schließlich doch nahe kommen – wenn man mal von dem zugegebenerweise etwas misslichen Nebeneffekt absehe, dass dabei die gesamte Menschheit untergehe…

Fazit: unbedingt ansehen. Heiko Weckbrodt

„Melancholia“ (Concorde), Drama, DK 2011, Regie: Lars von Trier, 130 min., P 12, DVD zwölf, Bluray 14 Euro

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