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Dresdner „Evico“ arbeitet an Supraleit-Robotern

Sollen durch Glaswände hindurch Roboterhände antreiben: Supraleitroboter. Visualisierung: evico

Sollen durch Glaswände hindurch Roboterhände antreiben: Supraleitroboter. Visualisierung: evico

EU-Supraleitkonsortium soll Europa unabhägig von Amerikas Gnaden machen

Dresden, 25.4.2012: Um auf den steigenden Bedarf in Europa nach Supraleittechnik, die Strom widerstandsfrei leitet, zu reagieren, plant „Evico“ in Dresden den Schritt hin zum Anbieter kompletter Supraleit-Kabel und -Systeme. Das bisher auf Supraleit-Trägermaterialien spezialisierte Unternehmen beabsichtigt, sich an einem EU-Forschungsprojekt zu beteiligen, das Europa unabhängig von den dominierenden Supraleit-Kabelherstellern in den USA machen soll. Außerdem will die Dresdner Firma Roboter konstruieren, deren Greifer sich wie von Geisterhand bewegen.

Evico-Chef Oliver de Haas an einem der Spezialöfen, die die Supraleit-Trägerbänder strukturieren. Abb.: hw

Evico-Chef Oliver de Haas an einem der Spezialöfen, die die Supraleit-Trägerbänder strukturieren. Abb.: hw

In der Maschinenbau-Szene ist der „Siemens-Lufthaken“ ein beliebter Scherz, um Fehlkonstruktionen zu veralbern, bei denen der Entwurfsingenieur ein tragendes Teil vergessen hat. Doch wenn es nach der Dresdner Hightech-Firma „evico“ geht, sind eben solche Kraftübertragungen wie von Geisterhand bald möglich: Die Ausgründung des Leibniz-Instituts für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW) will Roboter konstruieren, die durch Wände hindurch arbeiten können.

Ermöglichen soll dies Supraleittechnik: Weil die mit flüssigem Stickstoff tiefgekühlten Dresdner Spezialwerkstoffe Strom widerstandslos leiten, können sie extrem starke Magnetfelder erzeugen, die die Kräfte vom Roboterarm zum Greifer durch leere Luft übertragen.

Hermetisch abgeriegelte Biolabore: Arbeiten durch Wände hindurch

Evico-Chef Dr. Oliver de Haas schweben als Einsatzfelder für solche Supraleit-Roboter hermetisch abgeriegelte Labore vor, in denen mit hochgiftigen Stoffen oder gefährlichen Virenstämmen experimentiert wird.

Dabei will sein Team Know-How nutzen, das es bei der Konstruktion der experimentellen Supraleit-Schwebebahn „Supratrans 2“ in Dresden-Niedersedlitz gesammelt hat. Diese Wissen verwendet die Firma bereits, um Unis, Firmen und Schulen Supraleit-Modelleisenbahnen zu verkaufen.

Hauptgeschäftsfeld von „Evico“ sind allerdings Supraleit-Kabel, die zum Beispiel für die Energienetze der Zukunft, hochleistungsfähige Magnetspulen sowie sehr kompakte Motoren und Generatoren gebraucht werden. Besonders gefragt sind Supraleitkabel derzeit aber als Kurzschlusssicherungen in Energienetzen: Statt durchzuschmoren, wenn das Netz überlastet wird, limitieren Supraleiter die Stromstärke ab einem bestimmten Punkt. Anders als bei herkömmlichen Sicherungen würden dadurch also nicht ganze Städte bei einer Stromspitze gleich ins Dunkel versinken.

Chemielaborant Martin Lange säubert einen Trägerstreifen in der Dresdner Evico-Kleinfabrik. Abb.: hw

Chemielaborant Martin Lange säubert einen Trägerstreifen in der Dresdner Evico-Kleinfabrik. Abb.: hw

Innerhalb der Fertigungskette für solche Hightech-Kabel haben sich die Dresdner auf die Trägerbänder aus Nickel und Wolfram spezialisiert. Die müssen in Kristallstruktur und Glätte hochpräzise verarbeitet sein, damit Partnerfirmen darauf supraleitende Schichten wachsen lassen können.

Bis zu 1000 Kilometer Trägerbänder könnte „Evico“ in seiner Kleinfabrik an der Großenhainer Straße pro Jahr fertigen – tatsächlich sind es aber nur 20 bis 30 Kilometer. Denn die Abnehmerfirmen haben noch erhebliche Probleme, so de Haas, ihren Part der Massenproduktion technologisch in den Griff zu bekommen. Einer der Hauptkunden ging zwischenzeitlich sogar pleite. „Deshalb wollen wir nun schrittweise diese Technologieschritte selbst übernehmen und unsere Anlagen erweitern.“

Zehn Millionen Euro teurer Ausbau der Supraleit-Kabelproduktion geplant

Dies werde zwar rund zehn Millionen Euro kosten und Jahre der Arbeit bedeuten, weiß de Haas. „Aber das lohnt sich – die Nachfrage für Supraleitbänder wächst.“ Denn im Zuge der „Energiewende“ sucht die deutsche und die gesamte europäische Wirtschaft nach Wegen, Strom effizienter zu speichern, übertragen und verwerten, die Supraleittechnik erscheint dafür ideal.

Supraleit-Cluster Dresden gehört weltweit zu den ersten Adressen

„Und technologisch spielt da das Cluster Dresden international ganz vorn mit“, so de Haas. Zu diesem Supraleit-Cluster gehört das IFW, das in seiner anwendungsnahen Forschung und seinen technologischen Ergebnisse laut de Haas weltweit zu den ersten Adressen gehört. Evico selbst habe sich im Segment der Nickel-Wolfram-Träger für Supraleit-Kabel ebenfalls international einen Namen gemacht. Das Unternehmen beherrscht aber bisher den Prozess, durch den die eigentliche Funktionsschicht aus Yttrium-Barium-Kupferoxid (YBCO) in einem recht langwierigen Verfahren aufwächst, bisher nur im Labormaßstab an kleinen Teilen.

IFW und Evico haben mit der Supratrans-2-Teststrecke in Dresden-Niedersedlitz dafür bewiesen, dass sie ein funktionsfähiges Supraleit-Bahnsystem konstruieren können.

Die in Adelwitz 80 Kilometer nordwestlich von Dresden ansässige „ATZ GmbH“ wiederum ist auf die Mengenfertigung von massiven Supraleitern spezialisiert. In der Grundlagenforschung wiederum haben die Dresdner Physik-Institute der Max-Planck-Gesellschaft, das Helmholzzentrum Dresden-Rossendorf und die TU einen guten Ruf.

Weltmarkt für Supraleit-Kabel von zwei US-Unternehmen dominiert

In der kommerziellen Massenfertigung von Supraleitkabeln sind wiederum die in den USA ansässigen Unternehmen „American Superconductor“ und „Super Power“ führend – allerdings nicht in jedem Punkt auch technologisch an der Spitze, wie de Haas meint. Beide Firmen beliefert allerdings vorrangig das US-Militär, für den zivilen Markt sind daher nur kleinere Mengen verfügbar. Daher ist nun ein EU-Forschungsprojekt in Vorbereitung, das Europa von den amerikanischen Lieferanten unabhängig machen soll – an diesem Projekt will sich auch Evico beteiligen. Heiko Weckbrodt

Kurzporträt „Evico“:
entstanden 2004 als Ausgründung aus dem IFW Dresden
Geschäftsbereiche: Trägerbänder für Supraleit-Kabel (Kapazität: 1000 km/a) , Supraleit-Modellbahnen, Supraleit-Transportsysteme
Sitz: Dresden, Großenhainer Straße 101
Personal: zehn Mitarbeiter
Umsatz (2011): 800.000 Euro
Gewinn: ja (Höhe nicht veröffentlicht)
Mehr Infos im Netz hier

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