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Experimentalfilm „Amer“: Tod und Fleischeslust visuell brillant inszeniert

Ana in Not: Ist da ein Mann? Würgt sie sich selbst? Abb.: Koch Media

Ana in Not: Ist da ein Mann? Würgt sie sich selbst? Abb.: Koch Media

Eine Inhaltsangabe, ja selbst eine Genre-Angabe zu „Amer“ ist schwierig, um nicht zu sagen: müßig. Die französisch-belgische Koproduktion von Hélène Cattet und Bruno Forzani wirkt über weite Strecken wie eine Kreuzung aus einem frühen David-Lynch-Experiment und einer Videoinstallation. Gesprochen wird kaum ein Dutzend Sätze in dem anderthalbstündigen, oft recht verstörenden Film. Visuell-formal ist „Amer“ eine Klasse für sich: Wie hier mit Farben, Tönen, Bildfetzen und Details gearbeitet wird, um Sinneslust und Abscheu zu materialisieren, sieht man sonst nur selten. Manches erinnert ein wenig an die fleischliche Kameraführung in der ersten „Dexter“-Staffel, „Amer“ geht aber weit darüber hinaus.

Eine Geschichte im eigentlichen Sinne erzählen die Macher nicht wirklich: Zu Beginn sehen wir das Mädchen Ana im vorpubertären Alter, wie sie in der verfallen Villa ihrer Eltern nächtens die Welt der Erwachsenen entdeckt: Stöhnen, Flattern, Sex, Schweiß, Verwesung, zerlegt in Spektralfarben. Wenig später begegnen wir Ana wieder. Nun ist sie eine begehrenswerte junge Frau, die bei einem Einkaufsbummel mit der Mutter die Männerwelt entdeckt, mit ihrer glänzenden Technik, der ledrigen Haut, den Haaren überall… Im letzten Kapitel kehrt Ana als Erwachsene in die Villa ihrer Kindheit zurück. Das riesige marode Haus scheint ein Eigenleben zu führen, es knarrt und kreischt, zittert und atmet. Ein Mann streift nachts durch den Garten. Ana greift zum Tranchiermesser…

Bild und Ton spielen mit Phantasie des Zuschauers

Schade eigentlich, dass sich Cattet und Forzani nicht zu einer Erzählstruktur haben durchringen können, denn ihre optischen und akustischen Stilmittel sind einfach brillant und hätten eine Story zu einem echten Meisterwerk führen können. So aber bleibt eben doch der Eindruck einer Fingerübung zurück – einer faszinierenden freilich: Wie hier Begehren und Verderben inszeniert werden, hat Klasse durch den Blick für die Details. Wenn da zum Beispiel Stahl auf Haut in Nahaufnahme gezeigt wird oder sich dornige Rosenranken an femininen Kurven festzuklammern scheinen, dann erzeugt allein die Phantasie des Zuschauers ein dichtes Gefühl von Abscheu, Erotik oder Horror, das keiner plakativen Schau mehr bedarf.

Abb.: Koch

Veröffentlicht hat „Koch Media“ dieses bemerkenswerte Opus nun auf DVD, nebst ein paar Kurzfilmen der beiden Regisseure und einem interessanten Booklet. Heiko Weckbrodt

Amer“ (Koch Media), Experimentalfilm, F/B 2009 (DVD 2012), R.: Hélène Cattet & Bruno Forzani, 94 min., P 16, DVD 16, Bluray 17 Euro

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