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Mutter und IT-Unternehmerin: Viele kleine Schritte führen um die Mauern

Während Oksana Rucker Software-Handbücher schreibt, spielt ihr zweijähriger Sohn Leonard im Büro. Abb.: Carola Fritzsche

Während Oksana Rucker Software-Handbücher schreibt, spielt ihr zweijähriger Sohn Leonard im Büro. Abb.: Carola Fritzsche

Dresden, 8.3.2012 (Frauentag): „You will see it in the FTP Structure… change the directory…“ – okay, aus dem Munde eines bärtigen Computer-Gurus würde solch PC-Kauderwelsch nicht verwundern. Doch wer sich hier über Programmverzeichnisse auslässt, ist eine schlanke Frau, der man sofort die Musikerin, die Veranstaltungs-Managerin oder die Mutti abnehmen würde, aber bei der man nicht spontan auf „Nerd“ (eingefleischter Computer-Fan) tippen würde.

Dabei liegt man mit dem Tipp „Mutti“ bei Oksana Rucker nicht mal daneben. In ihrer Software-Dokumentationsfirma „Sodocu“ in Dresden sieht es wie in einem Kindergarten aus, als ich vorbeikomme: Ein kleiner Blondschopf namens Leonard manövriert sein Moped durch Stapel aus Geschäftspapieren, eine Spielzeugeisenbahn hat sich neben den Computern ausgebreitet, bunte Bälle umzingeln den Schreibtisch.

„Es ist anspruchsvoll mit zwei Kindern“, sagt die 37-jährige Alleinunternehmerin. „Aber ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Kinder kooperativ sind: Xenia ist zwölf und macht schon viel allein. Und Leo kann ich auch mal mit ins Büro nehmen, wenn ich kein Kindermädchen habe.“ Immer geht das freilich nicht: „Für manche Arbeiten braucht man einfach Ruhe zum Nachdenken.“

Während Leo Mopeds jagt, schreibt Mama Software-Handbücher

Und Konzentration ist gefragt in ihrer Profession: Oksana Rucker schreibt Handbücher für eine amerikanische Spezial-Software, die weltweit im Einsatz ist. Die bei großen Energieversorgern wie E.ON, beim Flugzeughersteller Airbus, in Krankenhäusern, Verwaltungen und bei Finanzdienstleistern wie „J.P. Morgan“ das papierlose Büro möglich macht. Da muss fachlich alles stimmen und doch für den Otto-Normalanwender verständlich formuliert sein. „Ich kann weder programmieren noch habe ich Informatik studiert“, räumt Rucker ein. „Aber ich habe mir viel angelesen und einiges bei meinem Lebensgefährten aufgeschnappt, der selbst eine Software-Firma leitet.“

Fachlich kommt die gebürtige Ukrainerin aus einer ganz anderen Ecke: Sie lernte in Chemnitz Fremdsprachensekretärin, studierte nach der politischen Wende in Dresden Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Politologie, bis sie sich auf Slawistik und Deutsch einschoss. „Meine Ausbildung war wie ein langes Ping-Pong-Spiel“, sagt sie heute. Irgendwann wurde eine US-Firma auf die Sprachbegabte aufmerksam und setzte sie zunächst als Trainerin für Text- und Spracherkennungsprogramme ein. „Dann haben die mich gefragt, ob ich nicht ihr Software-Handbuch ins Deutsche übersetzen könnte und so ergab eines das andere.“

Inzwischen ist sie bei der Kür angekommen: Heute schreibt Oksana Rucker die Bedienungsanleitungen für die neuesten Programmversionen der Amerikaner gleich selbst. „Ich gehe das von der Anwenderperspektive aus an“, erklärt sie. „Ich probiere das Programm aus, notiere mir, welche Fragen mir an welchem Punkt gekommen sind. Die fachlichen Dinge lasse ich mir von den Programmierern erklären. Ich bekomme auch die Entwicklungsdokumentationen – die sind aber oft ziemlich kryptisch.“

In der Arbeit mit den – durchweg männlichen Kollegen – in der Mitteleuropa-Niederlassung des US-Unternehmens bringe sie „weibliche Qualitäten“ ein, wie sie selbst einschätzt. „Wenn wir zum Beispiel über Skype telefonieren, unterhalten wir uns nicht nur über den Job, sondern kommen auch so mal ins Gespräch. Ich glaube, das wissen die Kollegen zu schätzen.“ Auch wenn es manchmal schwer genau zu sagen sei, was nun das Spezifische an ihrem Arbeitsstil sei, gebe es doch Unterschiede in der Art, wie Männer und Frauen unternehmerisch agieren, sagt sie. „Letztens habe ich zum Beispiel meinem Lebensgefährten, der ja auch Geschäftsführer ist, ein Auftragsangebot gezeigt, das ich geschrieben habe. Da hat er gesagt: Ich hätte das sicher anders geschrieben. Aber das klingt irgendwie sympathischer bei Dir.“

Das Wichtigste: Bloß nicht den Mut verlieren

Kurz bevor sie ihre Magisterarbeit in Slawistik abschloss, machte sie aus dem Nebenverdienst eine eigene Firma. So entstand im Jahr 2009 das Ein-Frau-Unternehmen „Sodocu Software Documentations OG“. Inzwischen beschäftigt Oksana Rucker in ihrem Büro auf dem früheren Reichsbahn-Werkstattgelände an der Lößnitzstraße auch eine Vollzeitkraft und eine Praktikantin. Derzeit bereitet sie den nächsten Schritt vor, die Akquise weiterer Kunden neben dem amerikanischen Hauptauftraggeber.

Manchmal, da stand sie vor Problemen „wie vor einer Mauer“, erinnert sie sich. „Da darf man aber nicht das Selbstvertrauen und den Mut verlieren. Solche Sachen muss man in kleinen Schritten angehen, dann finden sich auch Wege.“ Und: „Ich würde mir Treffpunkte für Unternehmerinnen wünschen, bei denen mehr über die ganz praktischen Sachen gesprochen wird. Wie man das alles zum Beispiel mit Kindern schafft, wie man einen Krippenplatz bekommt, der auch zu langen Arbeitszeiten passt.“ Bereut habe sie die investierten Mühen in ihre neue Existenz als Unternehmerin nicht, betont Oksana Rucker: „Am Ende ist es doch ein befriedigendes Gefühl, wenn man zurückschaut und sich sagt: Du hast da Dinge geschafft, die hast du dir vor ein paar Jahren nie zugetraut.“ Heiko Weckbrodt

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