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Operation „Synonym“ sollte Ostblock aus Menschenrechts-Schusslinie bringen

Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford und Bruno Kreisky unterzeichnen 1975 die KSZE-Schlussakte. Nach außen feierten die Ostblock-Chefs die Konfi als großen Erfolg - im Hintergrund sollten die Geheimdienste jedoch die Menschenrechtsdebatte abbiegen. Abb.: Horst Sturm, Bundesarchiv, Wikipedia

Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford und Bruno Kreisky unterzeichnen 1975 die KSZE-Schlussakte. Nach außen feierten die Ostblock-Chefs die Konfi als großen Erfolg - im Hintergrund sollten die Geheimdienste jedoch die Menschenrechtsdebatte abbiegen. Abb.: Horst Sturm, Bundesarchiv, Wikipedia

Dresden, 24.2.2012: Mit der verdeckten Operation „Synonym“ wollten KGB, Stasi und andere Geheimdienste zwischen 1975 und 1983 den Ostblock in der Menschenrechtsdebatte aus der Schusslinie manövrieren. Getarnte Propaganda, gezielte Indiskretionen und der Aufbau ferngesteuerter Menschenrechtsgruppen im Westen sollten die Delegationen des „Klassenfeindes“ und die westliche Öffentlichkeit während der KSZE-Verhandlungen beeinflussten. Das hat der US-Historiker Dr. Douglas Selvage in einem Vortrag in der Dresdner Stasi-Unterlagenbehörde berichtet. Diese Versuche seien allerdings nur wenig erfolgreich gewesen. Zudem habe der ostdeutsche Auslandsgeheimdienst HV-A unter Markus Wolf nur halbherzig mitgezogen.

Nachdem 1975 die Schlussakte der „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) in Helsinki unterzeichnet war, stand der Ostblock unter dem Erwartungsdruck der eigenen Bevölkerung und des Westens, die darin enthaltenen Menschenrechtsbestimmungen (Korb 1, Artikel 7) einzuhalten. Der sowjetische KGB wies daraufhin seine „Bruderorgane“ zur Operation „Synonym“ an, die durch „schwarze“ Propaganda Menschenrechtsverletzungen im Westen anprangern und die kommunistischen Führungen entlasten sollte.

Tschechische Schlapphüte setzten falsche Ustascha-Bombendrohung ab

„Bei den KSZE-Nachfolgekonferenzen in Belgrad und Madrid wurde versucht, die westlichen Delegationen durch gestreute Gerüchte und vorab lancierte Redebeiträge zu entzweien“, berichtet Selvage, der für seine Recherchen die Geheimdienst-Archive in Ostdeutschland, Tschechien, Polen und Bulgarien gesichtet hat. In Belgrad sei es dem tschechischen Geheimdienstreferat „Odbor 36“ sogar durch eine gefälschte Bombendrohung – angeblich von der kroatisch-faschistischen „Ustascha – gelungen, die jugoslawischen Gastgeber zu diskreditieren und die Konferenzteilnehmer zu verunsichern.

Ferngesteuerte Menscherechts-Gruppen im Westen geplant – Wolf warnte vor hohen Kosten
Historiker Douglas Selvage. Abb.: hw

Historiker Douglas Selvage. Abb.: hw

In Spanien veröffentlichte die HV-A derweil unter falschem Namen ein Buch in 5000 Exemplaren Auflage, das US-amerikanische Menschenrechtsverletzungen anprangerte. Vor allem die kubanischen und tschechischen Schlapphüte versuchten wiederholt, in den USA, Westdeutschland und anderen Staaten ferngesteuerte Menschenrechts-Organisationen aufzubauen, die das „Zielfeuer“ der Debatte auf den Westen verlagern sollte. Stoßrichtungen war dabei das Recht auf Arbeit und die Lage der Gastarbeiter in der BRD. Die Bulgaren wiederum streuten Indiskretionen über den bayrischen CSU-Politiker Franz-Josef Strauß in griechischen und türkischen Medien.

Aber bereits hier stieß die OP „Synonym“ an Grenzen. So warnte HV-A-Chef Markus Wolf die tschechischen Genossen vor den hohen Betriebskosten (rund eine halbe Million D-Mark pro Jahr) solcher Aktivistengruppen.

HV A wollte lieber West-Friedensbewegung stärken

Überhaupt sei „Synonym“ wenig erfolgreich gewesen, schätzt der US-Historiker ein: In der Spanien-Broschüre der HV-A etwa sei der marxistisch-lenistische Duktus so deutlich gewesen, dass sie kaum Widerhall im Westen fand. Und gerade die Ostdeutschen haben bei der Großoperation anscheinend nur halbherzig mitgemacht: „Markus Wolf erschien es erfolgversprechender, die Friedensbewegung im Westen zu stärken“, so Selvage.

„Alles daran gesetzt, Kritikern das Leben kaputt zu machen“

Recht erfolgreich seien aber die Zersetzungsoperationen der HV-A gegen Kritiker im Westen, wie der Vorgang „Natter“ gegen den DDR-kritischen ZDF-Journalisten Gerhard Löwenthal, gewesen. „Die Stasi hat da alles daran gesetzt, diesen Kritikern ihr Leben kaputt zu machen, um sie mundtot zu bekommen.“ Heiko Weckbrodt

-> Zum Weiterlesen: „Bruderorgane“ könnten Stasi-Aktenvernichtung nachträglich zunichte machen

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