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„Die Geschichte des MI 5“: Kaiseragenten-Paranoia, KGB-Spione und IRA-Terror

Britische Geheimdienst-Mitarbeiterinnen überprüfen im I. Weltkrieg Briefe in einer Poststelle auf unsichtbare Tinte. Abb. aus: "MI 5"

Britische Geheimdienst-Mitarbeiterinnen überprüfen im I. Weltkrieg Briefe in einer Poststelle auf unsichtbare Tinte. Abb. aus: "MI 5"

Kein Geheimdienst lässt sich gern in die Karten gucken –der Mauerfall und die fast völlige Öffnung der ostdeutschen Stasi-Archive waren da ein historischer Ausnahmefall. Doch im Jahr 2009 entdeckte auch der britische Inlands-Geheimdienst MI 5 das Glasnost-Konzept und beschloss, zum 100-jährigen Jubiläum des Dienstes eine historische Aufarbeitung in Auftrag zu geben. Die Wahl fiel auf den Cambridge-Professor Christopher Andrew, der inzwischen die Ergebnisse als Buch veröffentlicht hat: „MI 5 – Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes“.

Christopher Andrew. Abb.: Jerry Bauer

Christopher Andrew. Abb.: Jerry Bauer

Um den Wandel von einer Ein-Mann-Behörde, die gegen vermeintliche kaiserliche Spione ermittelte, über innere Repression und Kalten Krieg bis hin zum Antiterror-Dienst zu untersuchen, durfte Andrew auch in den Archiven des Dienstes herumschnüffeln und Mitarbeiter befragen. Nicht jede Information, die er fand, sei letztlich freigegeben worden, räumt der Historiker ein. Doch der MI 5 (dessen bloße Existenz bis in die 1980er Jahre hinein offiziell verschwiegen wurde) habe sich nicht in seine Wertungen eingemischt.

Spionageromane – Zwischen Fiktion und Realität nicht unterschieden

Und so erfahren wir auch, dass am Anfang Paranoia stand, gekoppelt mit mangelndem Unterscheidungsvermögen zwischen Fiktion und Realität: Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichte der englische Autor William Le Queux (ironischerweise ausgesprochen „Kju“, man denke an die James-Bond-Filme) zahlreiche Agentenromane, in denen es von deutschen Spionen im britischen Empire nur so wimmelte. Presse, Öffentlichkeit und letztlich das Kabinett nahmen diese Schilderungen letztlich für bare Münze.

Zank zweier Männer führte zu MI 5 und MI 6
Der erste MI-5-Chef vernon Kell. Abb. aus: "MI 5"

Der erste MI-5-Chef vernon Kell. Abb. aus: "MI 5"

Und so richtete die Regierung 1909 ein geheimes Büro ein, das die Spionageberichte überprüfen sollte. Die zwei Offiziere darin kamen zwar rasch zum Schluss, dass größtenteils Phantasterei hinter all den Agentenmeldungen steckte, aber der Geheimdienst war geboren. Übrigens: Weil sich beide Männer ständig zankten, wurden die Aufgabengebiete bald geteilt und so entstanden SIS alias MI 6, zuständig für das Ausland, und der Security Service alias MI 5 für die Abwehr im Inland.

Jahrzehntelang ohne echte rechtliche Grundlage operiert

Mit dem Ausbruch des I. Weltkrieges gewann der MI 5 nicht nur an Personal, sondern nahm sich Rechte zur Post- und Telekommunikationsüberwachung heraus, die er später auch gegen echte und vermeintliche „subversive Elemente“ im Inland wandte, gegen Kommunisten, Gewerkschafter, gegen Linke und Rechte im weitesten Sinne – erst 1989 wurde eine echte rechtliche Grundlage für den Dienst geschaffen.

Die große Schlappe: „Cambridge Five“
Überwachungsfoto von KGB-Offizier Oleg Gordiewsky 1982 in London. Abb. aus: "MI 5"

Überwachungsfoto von KGB-Offizier Oleg Gordiewsky 1982 in London. Abb. aus: "MI 5"

Faszinierend sind besonders die Kapitel über den II. Weltkrieg – in dem der MI 5 angeblich das gesamte deutsche Spionagenetz zu Doppelagenten umdrehte und damit auch die Landung in der Normandie erleichterte – und über den ständigen Schlagabtausch mit den Russen nach dem Krieg. Da musste der Dienst manche Schlappe einstecken. Vor allem mit den „Cambridge Five“ um Kim Philby konnten die sowjetischen Geheimdienste Top-Spione in hohen Positionen platzieren. Interessante Schlaglichter wirft das Buch auch auf manchen Hintergrund im Kampf gegen den IRA-Terror und die spätere Konzentration auf den islamistischen Terror.

Andrews Werk ist mit über 900 Seiten zwar ein dicker Wälzer geworden, aber für jeden zeithistorisch Interessierten eine Fundgrube: Wer wollte nicht schon mal das Dossier über Mata Hari lesen, mehr über das exzentrische Auftreten britischer Spione, legendäre Überläufer wie Oleg Gordiewsky und Kim Philby, über die Verstrickungen zwischen Gaddafi und der IRA oder die Taktik Bin Ladens erfahren?!

Allerdings lässt es der Autor – obwohl die Abhandlung stets wissenschaftlich solide bleibt – stellenweise an kritischer Distanz fehlen, wenn er etwa allzu schnell über Bürgerrechtsverstöße, Rassismus, Schwulenfeindlichkeit und Borniertheit im MI5 und in der englischen Regierungspolitik hinweg geht.

Operation RJAN und die Atomschlag-Angst im Kreml 1981

Letzteres fällt zum Beispiel bei der sowjetischen Operation „RJAN“ auf: 1981, kurz nach dem Amtsantritt des Hardliners Ronald Reagan als US-Präsident, versetzte dessen Gerede über Sternenkriege, das Reich des Bösen und gewinnbare Atomkriege den Kreml in solche Panik, dass er alle Ostblock-Geheimdienste auf nur ein Ziel ansetzte: Die Pläne für einen vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Erstschlag der NATO auszukundschaften.

Erst durch den KGB-Überläufer Oleg Gordiewsky habe Großbritannien ab 1982 von der Panik der Russen erfahren, berichtet Andrew – und wertet die Operation RJAN als Beweis für die abwegige Paranoia im Kreml. Dass da Verfolgungswahn eine Rolle spielte, sei unbestritten. Aber warum die Briten (und Andrew) über die sowjetische Kriegsangst überrascht waren, darüber kann man nur überrascht sein: Die Russen hatten Reagans Brandreden einfach für bare Münze genommen. Und das mag nun weniger verwundern… Heiko Weckbrodt

Abb.: Ullstein

Christopher Andrew: „MI 5 – Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes“, Propyläen-Verlag, Berlin 2010 (Original: Crown 2009), 912 Seiten, ISBN 978-3549073797, 25 Euro
 
>Leseprobe: hier

Zum Weiterlesen: Die Militärspionage der DDR

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