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Streitthema Online-Sucht: „Eltern sollten selbst spielen, um zu verstehen“

Die Grenze zwischen Spiele- bzw. Internetsucht ist umstritten: 4 Stunden am Tag fernsehen gilt als normal, 4 Stunden am PC dagegen halten vor allem ältere Politiker für Sucht. Abb.: Bundessuchtbeauftragte

Die Grenze zwischen Spiele- bzw. Internetsucht ist umstritten: 4 Stunden am Tag fernsehen gilt als normal, 4 Stunden am PC dagegen halten vor allem ältere Politiker für Sucht. Abb.: Bundessuchtbeauftragte

Dresden/Berlin, 2.12.2012: Laut einer Studie der Unis Greifswald und Lübeck ist jeder 100. Deutsche internetsüchtig, sind also etwa 80.000 Menschen in der Bundesrepublik bedenklich abhängig von den virtuellen Netzwelten. Weitere 4,6 Prozent seien als „problematische Internetnutzer anzusehen“, heißt es in der vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Studie „Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA)“, die die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans kürzlich vorgestellt hatte. Aber eine psychische Klassifizierung oder staatliche Anerkennung der „Online-Sucht“ gibt es (bisher) gar nicht. Das mag auch daran liegen, dass durchaus umstritten ist, ob in jedem Fall, in dem von „Internetsucht“ oder „Computerspielesucht“ gesprochen wird, wirklich eine Abhängigkeit vorliegt – oder ob sich in der Diskussion möglicherweise ein Generationswandel spiegelt…

Von HEIKO WECKBRODT

Kai* ist 23 und Student. Eigentlich. Denn eigentlich sollte er für Examina und Seminararbeiten büffeln. Tatsächlich aber hängt er sechs Stunden am Tag vor dem Computer ab und zockt Strategiespiele. Zwischendurch wechselt er immer wieder zum „Firefox“ rüber: „Wann postet endlich wieder einer dieser Ödlinge was auf meiner Facebook-Pinnwand?“ Und an den Wochenende ist es noch übler, da bleibt er gleich im Schlafanzug, wenn er sich am Mittag vor den PC setzt – ausgehen will er eh nicht, warum also erst anziehen?…

Wer bei World of Warcraft nicht zum Gefecht aufschlägt, fliegt schnell aus dem Clan
Auf der Seite "Enter dein Leben" bitete die GESOP Infos für Online-Süchtige. Abb.: GESOP

Auf der Seite "Enter dein Leben" bitete die GESOP Infos für Online-Süchtige. Abb.: GESOP

Solche Spiralen kennt Suchttherapeutin Gabriele Güldenstern vom Sozialunternehmen GESOP nur zu gut aus ihrer sechsköpfigen Onlinesucht-Therapiegruppe und vielen Beratungsgesprächen, wie sie sagt. „Vor allem die Online-Rollenspiele haben extremes Suchtpotenzial“, meint sie. Da spielen die Leute unter ständigem Druck, irgendeine Verabredung in der Spielwelt einzuhalten, bei der nächsten Mission mitzumachen, sonst fliegt man aus dem Clan raus. „Das ist eine never ending Story“. Ihr Eindruck: „Online-Sucht ist ein zunehmendes Problem, jedenfalls soweit ich das hier in Dresden sehe.“

Genusstherapie: Trommeln gegen die Sucht

In ihrer Therapiegruppe übt mit Verhaltens- und Genusstherapien, aus verhängnisvollen Kreisläufen zu entkommen. „Letztens haben wir gemeinsam getrommelt, auch, weil da es dabei um das Aufeinanderhören geht.“ In der Verhaltenstherapie wiederum reflektieren die Teilnehmer ihren Tagesablauf, wie es zum Beispiel zur Entscheidung kommt, sich wieder mal an den Rechner zu setzen statt auszugehen. Und sie sprechen darüber, wo und wie sie an solchen Stellen die Kehre bekommen können, durch neue Gewohnheiten.

Dass die Fortschritte oft nur langsam zu erreichen sind, führt sie auf die Komplexität des Problems zurück: „Gepaart mit der Onlinesucht sind oft psychische Probleme, die nicht selten der Hintergrund für die Anhängigkeit sind.“ Sind nennt Depressionen, soziale Isolation und Angststörungen der Betroffenen als Beispiele.

Machen 4 Stunden TV süchtiger als 4 Stunden Internet?
Auch Frauen sind in der Onlinespielsucht-Gruppe der GESOP. Besonderes Suchpotenzial wird Online-Rollenspielen wie "World of Warcraft" zugeschrieben. Abb.: Blizzard

Auch Frauen sind in der Onlinespielsucht-Gruppe der GESOP. Besonderes Suchpotenzial wird Online-Rollenspielen wie "World of Warcraft" zugeschrieben. Abb.: Blizzard

Allerdings warnen Jugendschützer auch vor Hysterie im Umgang mit tatsächlicher oder vermeintlicher Online-Sucht: „Das Thema ist bislang nur wenig erforscht“, meint Uwe Majewski, Chef des Vereins „Jugendschutz Sachsen“. „Viele Menschen schauen zum Beispiel vier Stunden pro Tag Fernsehen. Wenn andere die selbe Zeit am Computer verbringen, wird allzu schnell von Sucht gesprochen.“

Medienwandel: Internet ist für Jüngere Leitmedium für Infos und Unterhaltung

Denn viele jener Generation, die nicht mit Heimcomputern und Spielkonsolen aufgewachsen ist, sehen den Internetenthusiasmus der Jungen mit Unverständnis. Dahinter steckt auch ein Medienwandel: War noch vor 20 Jahren das Fernsehen Unterhaltungsleitmedium und die klassische Presse Hauptnachrichtenquelle für die meisten Deutschen, hat diese Rolle für die Jüngeren längst das Internet übernommen. Für fast jeden dritten Nutzer von Internet-Kontaktnetzwerken sind „Facebook“ & Co. Hauptnachrichtenquellen über das Tagesgeschehen, wie jüngst eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Hightech-Branchenverbandes „Bitkom“ ergeben hat.

Jugendschützer: „Steve Jobs hat die neuen Medien an die Menschen angekuschelt“
Steve Jobs. Abb.: Apple

Ein Vorreiter medialer Omnipräsenz? Steve Jobs. Abb.: Apple

„Für die Kinder heute sind die neuen Medien 24 Stunden am Tag präsent“, meint Majewski. Viele Jugendliche zögen keine Grenze mehr zwischen virtueller und realer Welt. „Steve Jobs hat die neuen Medien regelrecht an die Menschen angekuschelt“, sagt der Sozialpädagoge mit Blick auf den Apple-Mitgründer, der es schaffte, iPhone, iPad, iPod und iTunes zu omnipräsenten Status-Symbolen hoch zu stilisieren, zu „Must Haves“. „Das können viele Ältere nicht verstehen“, weiß Majewski. „Das kann man nur verstehen, wenn man’s selbst ausprobiert hat. Ich kann Eltern und Erziehern nur raten, selbst mal in Facebook reinzuschauen oder ein Online-Rollenspiel mitzumachen.“

Grüne: „Wir wollen niemanden etwas verbieten“

Einig sind sich die Sozialarbeiter aber darin, dass mit einer besseren Vernetzung von Hilfsangeboten schon viel gewonnen wäre. Das meint auch Karl-Heinz Gerstenberg, Landtagsabgeordneter der Grünen, die heute im Landtag ab 18 Uhr ein öffentliches Fachgespräch zum Thema „Onlinesucht“ ausrichten. „Wir wollen niemanden etwas verbieten, sondern uns als Fraktion erst mal einen Überblick über den Forschungsstand und die Meinung der Leute aus der Praxis verschaffen“, betont Gerstenberg. Eine parlamentarische Initiative seiner Partei sei denkbar, wenn sich herausstelle, dass die Betroffenen in Sachsen mehr Hilfe brauchen. „Bisher ist Online-Abhängigkeit nicht mal als Sucht anerkannt.

* Name und Fallkonstellation verfremdet
 
 
Mehr Infos:

Fachgespräch „Onlinewelten mit Suchtpotenzial“: Heute (2. Februar 2012), 18 Uhr, Sächsischer Landtag, Dresden, B.-von-Lindenau Platz 1, Saal 2, Eintritt frei; mit Referenten aus der Jugendhilfe, Medienpädagogik und Politik

Hilfe für Online-Spielsüchtige: GESOP-Suchtberatungs- und Behandlungsstelle, Dresden, Gasanstaltstraße 10, Telefon 215 308 30; Mo. Di., Do., Fr.: 9-12, Mo. u. Mi.: 14-19 sowie Di. 14-17 Uhr

Erste Infos mit Sucht-Check: enter-dein-leben.de

1 Kommentare

  1. Nun, ein distanzierter Blick „nichtspielender“ Eltern ist wohl auch ein sinnvoller Perspektivenwechsel: Denn die Tatsache, dass im Spiel realistisch aussehende Menschen getötet werden ohne mit der Wimper zu zucken kann man z.B. auch als „gefühlskalt“ und kontrovers zu einer Gesellschaft ansehen, in der international viele Bemühungen gegen Kriege unternommen werden.

    Das ganze hat wahrscheinlich etwas mit Männlichkeitsidealen (-Klischees) zu tun, wie es Peter Jedlicka in seinem Buch „Computerspielsucht-Therapie“ recht schlüssig bezeichnete.

    Theo

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