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eBuch-Flatrates könnten Stadtbibliotheken in Zugzwang bringen

Wo bewegen sich die Bibliotheken im Digitalzeitalter hin? Abb.: SLUB/ hw

Wo bewegen sich die Bibliotheken im Digitalzeitalter hin? Abb.: SLUB/ hw

Dresden/Berlin/Framingham, 5.1.2012: Die Experimente diverser Internet-Buchhändler und Verlage in den USA und in Europa mit eBuch-Flatrates und -Verleihpauschalen könnten auch die Stadtbibliotheken in Deutschland in Zukunft zu einem grundlegenden Strukturwandel zwingen. Das erklärte Arend Flemming, Direktor der Städtischen Bibliotheken Dresden – mit rund 5,4 Millionen Entleihungen pro Jahr und 22 Standorten (darunter einer Internet-Filiale) eine der größten Kommunalbibliotheken in Deutschland.

Arend Flemming. Abb.: Lesestark!

Arend Flemming. Abb.: Lesestark!

„Wir als öffentliche Bibliotheken müssen nicht das anbieten, was auf dem freien Markt verfügbar ist“, sagte Flemming. Falls sich tatsächlich einmal bibliotheksähnliche Geschäftsmodelle zu sozial verträglichen Preisen in der freien Wirtschaft durchsetzen sollten, könne es für die öffentlich finanzierten Bibliotheken sinnvoll und notwendig werden, sich stärker als kultureller und Bildungs-Dienstleister umzuprofilieren.

Hintergrund: In den USA haben eBooks bereits jetzt nennenswerte Marktanteile im Buchmarkt gewonnen. Und mit dem Siegeszug der Tablett-Computer – die sich auch als eBuch-Lesegeräte anbieten – wird inzwischen von vielen Branchenbeobachtern erwartet, dass ebenso in Deutschland demnächst der eBuch-Zug an Fahrt gewinnt.

Berichte: Amazon und andere experimentieren mit eBuch-Flatrates

Laut diversen Medienberichten erwägen nun sowohl Amazon in den USA wie auch Verlage und Buchhändler in Spanien, Schweden und Deutschland, eBücher zu Pauschalpreisen anzubieten. Im Gespräch sind Jahres-„Flatrates“, mit denen die Nutzer soviel eBücher herunterladen können wie sie wollen. Abhängig vom Preis dieser Flatrates könnte dies einem Bibliothekskonzept bereits sehr nahe kommen. Anscheinend sind diese Modelle aber noch ein ganzes Stück von einer breiten Marktdurchdringung entfernt.

Dennoch beobachten die Bibliotheken „aufmerksam diese Entwicklung“, betonte Flemming. „Wenn mit jemand noch vor ein, zwei Jahren gesagt hätte, dass Tablets eine große Sache sind, hätte ich ihm kaum geglaubt“, betonte der Dresdner Bibliotheken-Direktor. „Inzwischen ist der Trend unübersehbar. Auch ich habe mir jetzt einen Tablet-Computer angeschafft – und ich bin begeistert, was man alles damit machen kann.“

90er Jahre: schwerfällige Lesegeräte konnten sich nicht durchsetzen
Die eReader Evolution von den 90ern bis heute. Abb.: John Blyberg/ Wikipedia

Die eReader-Evolution von den 90ern bis heute. Abb.: John Blyberg/ Wikipedia

Wie stark die Endgeräte-Frage und der Erfolg oder Misserfolg digitalisierter Bücher zusammenhängen, zeigt ein Blick zurück in die 1990er Jahre: Bereits damals wollte die Hightechbranche einen raschen Siegeszug der eBücher herbeiorakeln. Das damals angebotene eBuch-Portefeuille war jedoch winzig, die Lesegeräte waren schwer, langsam und unhandlich, die Dateiformate speziell auf eine konkrete Hardware zugeschnitten. Folge: Diese Geräte – von denen sich auch die Städtischen Bibliotheken Dresden damals zwei angeschafft hatten – lagen wie Blei in den Magazinen.

Starker Absatzanstieg für Tablets prognostiziert
Die Deutsche Internetbibliothek ist ein Beispiel, wie die öffentlichen Leihbüchereien auf die neuen Herausforderungen aus dem Privatsektor reagieren: "Auf jede Frage eine Antwort" gibts bei den Privaten nicht. Abb.: BSF

Die Deutsche Internetbibliothek ist ein Beispiel, wie die öffentlichen Leihbüchereien auf die neuen Herausforderungen aus dem Privatsektor reagieren: "Auf jede Frage eine Antwort" gibts bei den Privaten nicht. Abb.: BSF

15 Jahre später hat sich das Bild jedoch grundlegend verändert: Mit ePub, PDF (und AZW für Amazons „Kindle“) haben sich Standardformate für eBücher durchgesetzt, die auf fast allen eReadern und Tablet-Computer gelesen werden können. Und gerade Tablets wie das iPad sind schicke Multifunktionsgeräte geworden, mit denen man weit mehr machen kann als eBooks lesen – was den Kaufanreiz für potenzielle Leser sehr verstärkt hat.

Laut Prognosen des deutschen Hightech-Verbandes „Bitkom“ (Berlin) werden in diesem Jahr voraussichtlich 2,7 Millionen Tablets verkauft – 29 Prozent mehr als 2011. Weltweit sind laut dem US-Marktforschungsunternehmen „International Data Corporation” (IDC) in Framingham teils noch deutlichere Steigerungsraten zu erwarten. Heiko Weckbrodt

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