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Blühende Landschaften liegen vielerorts in „ferner Zukunft“

Die Altmark: Vielerorts wirkt Kohls Versprechen von "blühenden Landschaften" wie ein Hohn, ein selbstragender Aufschwung ist nur in den dichtbesiedelten Regionen des Ostens absehbar. Abb.: Nephantz! / Wikipedia

Die Altmark: Vielerorts wirkt Kohls Versprechen von "blühenden Landschaften" wie ein Hohn, ein selbstragender Aufschwung ist nur in den dichtbesiedelten Regionen des Ostens absehbar. Abb.: Nephantz! / Wikipedia

Ifo-Forscher: Wenn Westtransfers auslaufen, werden viele Ost-Länder bei Aufholjagd abgehängt

Dresden, 20.12.2011: Die blühenden Landschaften mit gleichen Lebensbedingungen in Ost und West, die Kanzler Helmut Kohl (CDU) einst versprach, bleiben in weiter Ferne: „Einige Regionen in Ostdeutschland werden bestenfalls in ferner Zukunft das Westniveau erreichen“, schätzte Wirtschaftsforscher Dr. Joachim Ragnitz ein, Vizedirektor der Dresdner Niederlassung des ifo-Instituts.

Jochaim Ragnitz. Abb.: ifo DD

Jochaim Ragnitz. Abb.: ifo DD

Wenn der Solidarpakt II und andere Transferleistungen 2019 auslaufen, werde sich die unterschiedliche wirtschaftliche und demografische Entwicklung der ostdeutschen Länder seit der politischen Wende viel stärker als bisher bemerkbar machen, „dann werden die Disparitäten zwischen den Ländern zunehmen“, meint Ragnitz. „Länder wie Sachsen werden dann recht gut dastehen, während zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern zurückfallen dürfte.“

Ostdeutschland bei 78 Prozent des Westniveaus

Berechnet nach dem erzeugten Brutto-Inlandsprodukt (BIP) je Einwohner kommen die Neuen Bundesländer derzeit auf 78 Prozent der gesamtdeutschen Wirtschaftskraft beziehungsweise Produktivität, Sachsen liegt hier sogar zwei Prozentpunkte darunter.

Diese Berechnung wird jedoch von zwei Sonderfaktoren beeinflusst: Erstens fließt in die ostdeutschen Zahlen Westberlins ein, dessen Wirtschaft bis in den Brandenburger Hauptstadtgürtel ausstrahlt. Zweitens speist sich das BIP aller Ost-Länder derzeit noch stark aus den Transferleistungen des Westens, aus denen sich heute noch zu wesentlichen Teilen die Löhne von Rathaus-Mitarbeitern, Kindergärterinnen, Richtern, Polizisten und anderer öffentlicher Angestellter (Dienstleistungssektor), von Bauarbeitern der großen Infrastrukturprojekte (Bauwirtschaft) und vieler anderer finanzieren.

Wenn Solidarpakt 2019 ausläuft, sind empfindliche Einschnitte absehbar

Wenn die Ostkommunen und -länder in naher Zukunft all diese Leistungen aus eigener Wirtschaftskraft bezahlen müssen, sind empfindliche Einschnitte absehbar. Dann erst dürften sich die Folgen des Deindustrialisierungs-Prozesses nach der politischen Wende 1989/90 noch einmal voll bemerkbar machen, wenn sie nicht – wie etwa in Sachsen und Thüringen – inzwischen durch neue Industrien und Wirtschaftszweige zumindest teilweise kompensiert worden sind.

Hinzu kommt der demographische Faktor: Viele ländliche Regionen und vor allem die nordöstlichen Flächenländer sind inzwischen derart entvölkert und demografisch überaltert, dass ein selbsttragender Aufschwung kaum möglich erscheint – allein der positive Entwicklung der Tourismusbranche zum Beispiel an der Ostseeküste wird dies kaum auffangen können.

Landflucht gen Großstädte öffnet Schere weiter

Von der Landflucht profitieren vor allem die richtig großen Kommunen und auch da hat Sachsen mit gleich drei Großstädten (Dresden, Leipzig und Chemnitz), die zudem auch ein neues industrielles Rückgrat (Mikroelektronik, Automobilbau und Maschinenbau) entwickelt haben, die Nase vorn. „Demgegenüber werden einige Regionen wie etwa die Altmark und große Teile von Meck-Pomm mittel- und langfristig vor ganz ernsten Schwierigkeiten stehen“, glaubt Racknitz. Heiko Weckbrodt

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