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Buch „Nerds Attack!“: Deutschland droht digitalen Anschluss zu verlieren

Die Risiko-Scheue deutscher Kapitalgeber ist mit schuld, dass es in Deutschland zu wenig erfolgreiche Internet- und Computerspiel-Unternehmen gibt. Diese Ansicht verfechtet Christian Stöcker in seinem Buch „Nerd Attack!“ (frei übersetzt: Der Angriff der Computerfetischisten). Auch würden zuviele Firmengründungen in dieser Branche von Wirtschaftsinformatikern statt Programmierern dominiert.

„Nur die Hacker können uns voranbringen“, zitiert er Lars Heinrichs, den Gründer des deutschen Geschäftsnetzwerkes „Xing“. „Das sind die Leute, die die besten Ideen haben, weil sie wirklich wissen, was technologisch funktioniert.“ In der Praxis jedoch seien viele deutsche Internetfirmen von „Business-Typen“ gegründet, die ihre Ideen bei US-Unternehmen abkupfern. „In Europa wird nichts finanziert, für das es keinen Markt gibt“, so Heinrichs. Aber europäische Wagniskapitalgeber seien „liebend gern dabei, kopierte amerikanische Geschäftsmodelle zu finanzieren“.

Eine Generation voller natürlicher „Killerspieler“ und „Raubkopierer“

Dass Stöcker eine Lanze für die „Generation Heimcomputer“ bricht, für die „Nerds“* und „Geeks“**, die inzwischen in wichtige Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft aufrücken, mag nicht wundern: Der heute 38-jährige ist in der alten Bundesrepublik mit Commodore & Co. groß geworden, hat selbst „Doom“ und all die anderen Spiele gezockt, die von Analogmenschen gestern und heute als „Killerspiele“ angeprangert werden. Als Knabe raubkopierte er C64-Spiele wie all die anderen in seiner Klasse und fühlte sich von der Hacker-Doktrin „Alle Information muss frei sein“ darin bestärkt. Später studierte er Psychologie und Kulturkritik, seit 2011 ist er Ressortleiter für die „Netzwelt“ auf „Spiegel Online“.

In seiner Nerd-Attacke kommt er indes manchmal etwas ins Schwafeln, wenn er nostalgisch in Erinnerungen an die Technik, Musik und das Weltbild seiner westdeutschen Jugend badet – das ist teils unterhaltsam, teils Verzettelei.

Die Wurzeln der Anonymous-Hacker und der analog-digitale Generationenkonflikt

Aktueller sind da seine Ausführungen über die Wurzeln der Anonymous-Hackergruppe, die derzeit von sich reden macht – und recht hohen Unterhaltungswert haben seine Tiraden gegen analoge deutsche Politiker in Spitzenpositionen, die noch nicht mal wissen, was ein Browser ist, aber Internet-Sperrlisten fordern. Stöcker spricht von einer digitalen Spaltung in Deutschland, die er als Generationenkonflikt sieht: Auf der einen Seite jene, die mit Computer, Handy und Internet groß geworden und mit ihnen fast symbiotisch verwachsen sind, auf der anderen Seite eine Politikerkaste der Älteren, die das Internet im besten Fall als Instrument zur verfeinerten Überwachung der Bürger sehen, im schlechteren Fall als Porno-Teufelszeug.

Christian Stöcker. Abb. (2): DVA

Christian Stöcker. Abb. (2): DVA

„Das Moralempfinden einer Generation zum Gradmesser  für das zu machen, was im Netz erlaubt sein sollte, ist nicht nur technisch nicht umsetzbar – es wäre auch ein äußerst kurzsichtiger Umgang mit unserem höchsten Gut: unserer Freiheit“, warnt er vor den Zensurideologen aus diesen Kreisen. Und es sei eben auch ein Folgeeffekt dieser Ideologie und der chronischen „Risikoscheue“ der Deutschen, dass die Bundesrepublik „den Anschluss  an das digitale Zeitalter“ zu verlieren drohe. „Die Informationsrevolution, die derzeit die Welt verändert“, werde inzwischen mit wenigen Ausnahmen von Akteuren und Diensten in den USA getrieben und gestaltet, unkt er.

Fazit: Eine interessante Lektüre vor allem für jene, die ähnlich wie der Autor sozialisiert wurden und daher allerlei Nerdtum an sich wiederentdecken werden. Obzwar manchmal etwas ausufernd, doch recht unterhaltsam zu lesen und mit bedenkenswerten Schlussfolgerungen garniert. Heiko Weckbrodt

„Christian Stöcker: „Nerd Attack„, Deutsche Verlagsanstalt, München, 2011, 15 Euro (eBook: 12 Euro), ISBN 978-3421045096

Leseprobe hier

Glossar:

Nerds: In der US-Jugendsprache abschätzige Bezeichnung für jene Schüler, die statt für Cheerleading und Baseball für abartige Dinge wie Lesen und Computer interessieren. Heute auch abgrenzend-stolze Selbstbezeichnung der „digitalen Nomaden“

Geeks: s. o. – etwa: Laborratten

 

Zum Weiterlesen: Klasse Nerd-Krimi „Extraleben“

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