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Asien-Filmfestival in Dresden: „Europa kapselt sich filmkulturell ab“

Ausschnitt aus "Aftershock": Ein Mao-Soldat rettet ein Erdbebenopfer. Abb.: REM

Ausschnitt aus "Aftershock": Ein Mao-Soldat rettet ein Erdbebenopfer. Abb.: REM

Dresden, 11.10.2011: Der asiatische Film hat ein Problem: Oft genug hat Hollywood und Europa beeinflusst. Doch wahrgenommen werden diese Streifen im Westen meist nur von einem eher kleinen Liebhaberkreis. Die Macher des asiatischen Filmfestivals in Dresden, das am 13. Okober 2011 beginnt, wollen das ändern.

Frank Apel. Abb.: Erfurth/ Dresden-Stadtwiki

„Europa ist zielstrebig dabei, sich filmkulturell auf seine westlichen Werte zu reduzieren und den Rest der Welt zu ignorieren“ warnt Frank Apel, der das gerne ändern will: Vor acht Jahren, als er noch als Dresdner Kinomogul galt (er selbst hört das nicht gerne) und das „Metropolis“ in Schwung bringen wollte, initiierte er das „Dresdner Asian Filmfestival“. Zwar erreichte es nie die Besucherzahlen der „Französischen Filmtage“, eroberte sich aber doch einen treuen Fan-Kreis. Am Donnerstag beginnt nun die 9. Ausgabe dieses Festivals im Dresdner „Kino in der Fabrik“, Tharandter Straße 33, in das es seit der Schließung des „Metropolis“ umgezogen ist.

Eine Themenschwerpunkt ist da der neuere japanische Film, darunter sowohl ungewöhnliche Anime-Produktionen (die japanische Spielart des Trickfilms), aber auch bizarre Krimis, Weltuntergangsszenarien und Familiendramen.

In der Gangster-Groteske „Cold Fish“ zum Beispiel gerät der Zierfischhändler Shamoto unter die Fuchtel seines frohnaturischen Konkurrenten Murata – der abends seine Gegner zu Fischfutter verarbeitet. Shamoto wird zwar speiübel, wenn er die Gewaltexzesse seines neuen Herrn begleitet und macht doch immer wieder mit, demütig, wie er bisher sein ganzes Leben geführt hat. Doch als sich Murata mit der japanischen Mafia, den „Yakuza“ anlegt, ändert sich alles.

In „Genius Party“ wiederum haben sich japanische Starregisseure zusammengetan, um eine Anime-Kollektion jenseits der Superhelden-Massenproduktion zu schaffen – darunter sowohl expressionistisch wie auch vom Surrealismus beeinflusste Clips.

China ist unter anderem mit „Aftershock“ vertreten: Eine aufwändige Produktion, die im Reich der Mitte ein Kassenknüller war, in Deutschland aber nicht einmal in die Kinos kam, sondern nur auf DVD erschien. Erzählt wird die Geschichte einer Familie, die durch das große Erdbeben 1976 in Tangshan – im China der späten Mao-Zeit – zerrissen wird und erst 30 Jahre später wieder zueinander findet, als sich das Land ins Industriezeitalter katapultiert hat. Auch der chinesische Western „A Woman, a Gun and a Noodleshop“ ist im Programm, in dem eine Händlersgattin eine mörderische Intrige gegen ihren Gatten strickt und dabei auch auf die – damals noch ganz neuen – Feuerwaffen aus Europa setzt.

Chinas „Klassenfeind“ Taiwan wiederum glänzt mit einem Gangsterfilm: „Monga“ erinnert in seiner Machtart an amerikanische Mafia-Filme und erzählt aus der Perspektive des jungen „Mosquito“ über den blutigen Kampf der taiwanesischen und festland-chinesischen Triaden um Taipehs Geschäftsviertel in den 1980er Jahren – sehr sehrenswert.

So wie „Aftershock“ geht es laut Apel übrigens immer mehr asiatischen Filmen: Als er das Festival 2003 ins Leben rief, sei es noch kein Problem gewesen, für eine Werkschau von Zhang Yimou („Rotes Kornfeld“, „House of the Flying Daggers“) alle Filmkopien von den Verleihern zu bekommen. Heute so ist leider heute so etwas nicht mehr möglich“, sagt Apel. „Viele asiatische Filme kommen bei uns gar nicht mehr ins Kino und werden allenfalls auf DVD veröffentlicht.“

Das hat sicher auch mit ganz banalen Dingen zu tun, etwa, dass viele Kinobesucher hierzulande Mühe haben, japanische Gesichter auseinanderzuhalten. Auch ist das jahrelang praktizierte Over-Acting asiatischer Mimen unserem Seh- und Hörgeschmack ziemlich fremd.

„Lady Snowblood“ ist diesmal leider nicht im Programm, aber ein Beispiel, wie japanische Filme Quentin Tarantino bei „Kill Bill 1“ beeinflusst haben:
 


Doch wer sich in diese etwas fremde Welt hineinvertieft, wird belohnt: Gerade die Japaner generieren immer wieder neue kameratechnische, erzählerische und künstlerische Techniken, die Jahre später dann von Hollywood & Co. gnadenlos für Nachverfilmungen verwertet werden – oft aber an allen Ecken für den westlichen Zuschauer rundgelutscht. Erinnert sei nur an „Die sieben Samurai“, die später zum Western „Die glorreichen Sieben“ wurden. Oder an die Technik der immer neuen Perspektiven, die in Japan erfunden wurde (Beispiel: „Rashomon“. An das Hollywood-Remake der „Ring“-Gruselei, aber auch die zahlreichen Kungfu- und Samurai-Filme, die einen Tarantino ganz wesentlich beeinflussten – man vergleiche zum Beispiel „Lady Snowblood“ und „Kill Bill 1“. Kurz: Wer im japanischen Kino auf dem Laufenden ist, dem kommt mancher Hollywood-Blockbuster wie ein teurer, aber lustloser Abklatsch vor. Heiko Weckbrodt

„9. Dresdner Asian Filmfestival“, 13. bis 19. Oktober 2011, Kino in der Fabrik (KiF) Dresden, Tharandter Straße 33
Aus dem Programm:

Do., 20.30 Uhr: „Bodyguard“ (Bollywood-Spektakel, Indien 2011)

Fr., 1945 Uhr: „Cold Fish” (Krimi, Japan 2010)

So., 11 Uhr: „Sibiriade“ (Familien-Fehde, SU 1980)

Mo., 19.45 Uhr: „A Woman, A Gun and A Noodleshop“ (China-Western, China 2009)

22 Uhr: „Genius Party“ (ungewöhnliche Animes, Japan 2008)

Di., 19.45 Uhr: „Aftershock“ (Katastrophenfilm/Familiendrama, China 2010)

Das ausführliche Programm ist hier zu finden.

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