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Anime-DVD „Genius Party“: Untote Dreirad-Wächter und augenlose Vögel

"Deathic 4": Jagd durch die Welt der Untoten. Abb.: (3): REM

"Deathic 4": Jagd durch die Welt der Untoten. Abb.: (3): REM

Ein augenloser Vogel – wohl eben aus einem Dali-Gemälde geflüchtet – stolziert am Strand. Er findet einen steinernen Kopf, pickt daran und verwandelt sich in glühenden Phoenix. Sein Strahlen wird zum Kettenblitz, der all die Steinköpfe daneben zerschmettert… Nicht alle Anime-Filme in der „Genius Party“-Sammlung sind solch visualisiertes freies Assoziieren, haben aber eines gemeinsam: Im Vergleich zu klassischen japanischen Zeichentrickfilmen schlagen sie deutlicher experimentelle Töne an, spielen mit ihren Themen inhaltlich wie formell.

Insgesamt umfasst die DVD-Sammlung sieben außergewöhnliche, oft surreale Kurzfilme japanischer Anime-Starregisseure, die vom Studio „4° C“ für dieses Projekt freie Hand bekamen zu experimentieren – ein Konzept, das bereits in der Anthologie „Animatrix“ recht erfolgreich eingesetzt wurde. Herausgekommen sind visuelle Kleinodien, die zeigen, dass Anime mehr kann als großäugige und kampfschreiende Kindersuperhelden (mit „Shanghai Dragon“ ist allerdings auch dieses Genre vertreten) am Fließband zu erzeugen.

„Deathic 4“ beispielsweise mutet in seinen stilistischen Methoden wie eine Kreuzung aus dem expressionistischen deutschen Film der 20er und 30er Jahre und einem knallbunten Videospiel an: Ein Zombiekind will in der Zombiewelt etwas zutiefst Verbotenes verstecken, nämlich einen Frosch, einen lebenden. Das endet in einer rasanten Verfolgungsjagd mit den dreiradfahrenden Wächtern dieser untoten Welt, die immer wieder die Erwartungen des Zuschauers zu unterlaufen versucht. In „Türklingel“ wiederum tritt ein junger Mann buchstäblich neben sich – und wird plötzlich für seine Umwelt nicht mehr wahrnehmbar: Seine Freunde ignorieren ihn, seine Familie, die Passanten auf der Straße…

Bizarrer Vogel aus dem Auftakt-Anime "Genius Party"

Bizarrer Vogel aus dem Auftakt-Anime "Genius Party"

Obgleich nicht alle Beiträge durchweg das hohe C repräsentieren, ist „Genius Party“ doch eine absolut sehenswerte Kollektion, die zeigt, weshalb das japanische Kino immer wieder weltweit für Impulse sorgt – bs hin in die Hollywoodstudios, die Ideen aus Nippon oft genug mainstremig kopieren. Erhältlich ist die Anthologie auf einer DVD, die als Bonusmaterial auch einen Storyboard-Ausblick auf das nächste Genius-Projekt enthält. Heiko Weckbrodt

„Genius Party“ (Rapid Eye Movies), Experimental-Animes, Japan 2007, P 12, DVD zehn Euro
 
 

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