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Präzision wird wieder in Mikromat gemessen

Mikromat-Chef Thomas Warnatsch vor einer der Präzisions-Maschinen für extrem große Werkstücke. Abb.: hw

Mikromat-Chef Thomas Warnatsch vor einer der Präzisions-Maschinen für extrem große Werkstücke. Abb.: hw

Dresdner Maschinen bearbeiten weltweit Mega-Werkstücke

Dresden, 26.9.2011. Nach vielen Experimenten um Geschäftsmodelle in der Nachwendezeit ist Mikromat inzwischen in die erste Liga der Werkzeugmaschinenhersteller zurückgekehrt: Die Dresdner liefern ihre hochpräzisen Anlagen weltweit an Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrt, an Maschinen- und Motorenbauer – überall dorthin, wo höchste Genauigkeit gefragt ist.

Und dies mit Erfolg: Im Geschäftsjahr 2010/11 hat das Unternehmen knapp 15 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Für dieses Jahr erwartet Mikromat-Chef Thomas Warnatsch „ein ähnlich starkes Wachstum“. Denn seine Bücher sind bereits mit Aufträgen im Wert von fast 18 Millionen Euro gefüllt.

Video über Mikromat von der Leipziger Messe:

Es sind vor allem die aufstrebenden Industrieländer im Osten, die diesen Schub bewirken: „Wir liefern viel nach China, Indien und Russland“, erklärt der Geschäftsführer. „Aber auch aus Deutschland, Korea, Polen und Frankreich kommen viele Aufträge.“

Präzisionsfertigung in Klima-Hallen
Was die Mikromat-Maschinen so genau macht, fängt schon beim Fundament an, das konkav gegossen wird, damit es später planar absackt. Abb.: Mikromat

Was die Mikromat-Maschinen so genau macht, fängt schon beim Fundament an, das konkav gegossen wird, damit es später planar absackt. Abb.: Mikromat

Seit er vor sechs Jahren mit einem Kollegen den Traditionsbetrieb an der Niedersedlitzer Straße übernahm, wurden rund zehn Millionen Euro in einer Modernisierung und Neuausrichtung investiert: „Wir haben bereits aufgegebene Maschinenlinien ins Programm genommen, neue Anlagen gekauft und wieder klimatisierte Werkhallen eingerichtet, um präziser fertigen zu können“, so Warnatsch. Denn bei Mikromat ist der Name Programm: Wo es auf ein paar Mikrometer (Tausendstel Millimeter) genau zugeht, würde selbst eine Temperaturänderung von einem Grad – etwa, wenn ein Werkstück von einer Hallenecke in die andere transportiert wird – das Bearbeitungsergebnis um elf Mikrometer verfälschen: vollkommen intolerabel für viele Mikromat-Kunden.

Wegen des hohen Ordervolumens will Warnatsch 30 neue Jobs einrichten – „doch es ist schwer, gut qualifizierte Leute zu finden, deshalb bilden wir auch selber aus.“ Hatte er im Jahr 2005 den Betrieb mit damals 48 Mitarbeitern übernommen, beschäftigt er heute 130 Leute – darunter 20 Azubis.

Das Unternehmen hat eine wechselvolle Geschichte erlebt: Die Wurzeln gehen auf eine Nähmaschinenfabrik zurück, die Hermann Großmann 1863 in Dresden gründete, sowie auf die 1869 eröffnete Werkstatt des Mechanikers Moritz Hille. In den 1930er Jahren drängte die Regierung die Hille-Werke, in Konkurrenz zu den renommierten Schweizer Herstellern in den Präzisions-Werkzeugmaschinenbau einzusteigen. Nach dem II. Weltkrieg verstaatlicht, entstand 1959 auf diesem Fundament der VEB Mikromat Dresden. Die anspruchsvollen Bohr- und Schleifmaschinen, die der Betrieb um der Genauigkeit willen bereits in Klima-Hallen fertigte, waren ein DDR-Exportschlager.

„Man konnte unter all dem Staub das Gold schimmern sehen“

Nach der Wende brach der Absatz dennoch ein: Das aufwendige Produktionsregime im Mikromat machte die Maschinen so teuer, dass sie für viele Stammkunden unbezahlbar wurden. Zudem musste und muss der Betrieb für fast alle Geschäfte außerhalb der EU staatliche Exportgenehmigungen einholen, da die hochgenauen Dresdner Werkzeugmaschinen auch für Rüstungszwecke in „Schurkenstaaten“ eingespannt werden könnten.

All dies führte zu wechselnden Geschäftsmodellen und Besitzern, die die Klima-Werkhallen abschalteten und auf ganz andere Profile setzten. So übernahm 1993 der Hamburger Ulrich Schmermund, der ursprünglich den Verpackungsmaschinenhersteller „Nagema“ hatte übernehmen wollen, von „Theegarten“ jedoch ausgestochen wurde, das Unternehmen. Schmermund ließ im Mikromat Zigarettenautomaten und einfache Werkzeugmaschinen herstellen, verkalkulierte sich letztlich jedoch: Die Umsätze blieben weit hinter den Erwartungen zurück, 1997 ging der Betrieb in die Insolvenz. Danach engagierte sich Thyssen über die Beteiligungsgesellschaft FJT und kehrte wieder zu den Werkzeugmaschinen zurück, allerdings nur in wenigen Produktlinien.

2003 begann sich das Unternehmen wieder auf seine alten Kernfähigkeiten, die Präzisionsmaschinen, zurückzubesinnen, 2004/2005 stiegen dann der Dresdner Maschinenbauingenieur Warnatsch und dessen „Perfecta“-Kollege Horst Hermsdorf in den einstigen DDR-Vorzeigebetrieb ein. Der Anlagenbestand zu diesem Zeitpunkt war karg, das Produktportefeuille geschrumpft, „doch man konnte unter all dem Staub das Gold darunter schimmern sehen“, so Warnatsch.

Die Maschinen werden in Klimahallen gefertigt. Hintergrund: Pro Grad Temperaturunterschied streckt sich Stahl durch die thermische Ausdehnung um 35 Mikrometer. Die Anlagen müssen jedoch auf bis zu drei Mikron genau fräsen, bohren und schleifen können. Abb.: Mikromat

Die Maschinen werden in Klimahallen gefertigt. Hintergrund: Pro Grad Temperaturunterschied streckt sich Stahl durch die thermische Ausdehnung um 35 Mikrometer. Die Anlagen müssen jedoch auf bis zu drei Mikron genau fräsen, bohren und schleifen können. Abb.: Mikromat

Und dieses Gold haben die beiden inzwischen freigelegt – durch Spezialisierung, Modernisierung und Internationalisierung: Das Unternehmen ist heute auf fast allen Kontinenten vertreten. Und geeicht hat es sich auf Werkzeugmaschinen, die sehr große Teile auf bis zu drei Mikrometer genau bearbeiten können – manche dieser Werkstücke sind bis zu 17 Meter lang und drei Meter hoch. Auch beherrschen die Mikromat-Maschinen alle zentralen Metallbearbeitungsverfahren wie Bohren, Schleifen und Fräsen in bis zu fünf Achsen. „Da reicht uns so schnell keiner das Wasser, auch die Schweizer nicht“, ist Warnatsch überzeugt. Und: „Für das Unternehmen sehe ich noch viel, viel Potenzial, auch außerhalb von Luft- und Raumfahrt.“ Heiko Weckbrodt

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