Geschichte, Wirtschaft
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ZMD: Eine turbulente Geschichte

Der neue ZMD-Campus an der Dresdner Grenzstraße. Abb. (3): ZMD

Der neue ZMD-Campus an der Dresdner Grenzstraße. Abb. (3): ZMD

Seit der Wende haben die Dresdner Mitarbeiter der Chipschmiede einiges erlebt

Dresden, 27.8.2011. Von „schwierigen Verhandlungen“ mit der Treuhandanstalt über die Zukunft des Zentrums Mikroelektronik Dresden (ZMD) spricht Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) im Mai 1992. Schließlich gaben die Verwalter der früheren DDR-Kombinate zwar grünes Licht für eine Anschubfinanzierung von 125 Millionen D-Mark, doch schwierig sollte es noch lange bleiben, bis hin zur Existenzgefährdung.

Probleme mit der Treuhand

Wie so viele ehemalige DDR-Betriebe hat auch das ZMD nach der Wende zunächst seine liebe Not mit der Berliner Treuhandanstalt. Im Herbst 1991 protestieren Mitarbeiter gegen den Abtransport von Maschinen. Doch die Dresdner Politik hat viel vor mit dem Halbleiterproduzenten. Mit seinen elektronischen Bausteinen soll er der „sächsischen Industrie einen hoffnungsvollen Start ins nächste Jahrtausend“ (Schommer) ermöglichen – Technologietransfer „durch führende Schaltkreishersteller nach Dresden“ inklusive. Das ZMD als Kristallisationskern, um den herum sich eine weitreichende Mikroelektronikbranche in Dresden und der Region entwickelt. Aus heutiger Sicht eine grundsätzlich erfolgreiche Strategie, für die sich der Freistaat zunächst auch nicht lumpen lässt.

Nachdem Privatisierungsversuche mit einem amerikanischen Partner scheitern, bleibt das Land Sachsen de facto selbst Eigentümer des Betriebs im Dresdner Norden. Deutsche und Commerzbank agieren als Treuhänder. Ein Siemens-Manager übernimmt 1993 die Geschäftsführung. Kurze Zeit später kann der Freistaat den ersten Erfolg verbuchen. Der Münchner Siemens-Konzern siedelte sich in Dresden an, AMD und andere folgten.

Kurt Biedekopf. Abb.: Lemmerz/Bundesarchiv/Wikipedia

Kurt Biedekopf. Abb.: Lemmerz/Bundesarchiv/Wikipedia

Damit wird es jedoch nicht leichter für das ZMD– eher im Gegenteil. In der Ministerriege von Regierungschef Kurt Biedenkopf (CDU) wächst der Widerstand gegen eine weitere staatliche Alimentierung des Unternehmens – vor allem Finanzminister Georg Milbradt (CDU) tritt auf die Bremse. 1997 eskaliert die Situation. Das Unternehmen hatte die Gewinnschwelle noch immer nicht erreicht, wie es eigentlich geplant war. Mit 63,5 Millionen Mark Umsatz im Halbleitergeschäft wird 1996 zwar eine beachtliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr erwirtschaftet (plus 58 Prozent). Trotz dieses Erfolges bleibt damals unterm Strich ein Defizit von 9,7 Millionen Mark. Aufträge brechen weg, die 450 Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit. Schließlich verweigert das Land weitere Bürgschaften. 273 Millionen Mark öffentliches Geld seien bis dato in das Unternehmen geflossen, muss nun ausgerechnet das Haus von Wirtschaftsminister Kajo Schommer die Entscheidung in der Öffentlichkeit rechtfertigen. Die Ablehnung „gefährdet die Zukunft des ZMD“, heißt es im Unternehmen.

Sachsenring-Übernahme

Das Schommer-Ressort forciert erneute Privatisierungsbemühungen. Ein Jahr später ist es soweit. Überraschend erscheint die Sachsenring AG auf der Bühne. Die Automobiltechnik-Firma ist 1997 als erstes ostdeutsches Unternehmen an die Börse gegangen. Für den symbolischen Preis von zwei D-Mark steigen die Zwickauer in Dresden ein.

ZMD orientiert sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit längerem stärker auf die Produktion von Logik-Schaltkreisen und die sogenannte „mixed signal“-Technologie, bei der analoge und digitale Signale verknüpft werden. Dies ist beispielsweise bei dem Projekt der Sachsenring AG für die Expo 2000, der mobilen Emissionsmessung (Schadstoffmessung im Auto), von Bedeutung. Es scheint alles zu passen. Die Schließung von ZMD kann abgewendet werden. Finanzminister Georg Milbradt kommentiert: „Die Mitarbeiter von ZMD sind dem Teufel eben noch mal ganz knapp von der Schippe gesprungen.“

ZMD-Chef Thilo von Selchow

ZMD-Chef Thilo von Selchow

Es gibt viele vollmundige Ankündigungen, Gewinne werden angepeilt. Richtig freischwimmen kann sich das Unternehmen aber nicht. 1999 übernimmt der damals 37-jährige Thilo von Selchow die Geschäftsführung, die er auch heut noch inne hat. Ein Jahr später bröckelt die Liaison mit Sachsenring bereits. Das Zwickauer Unternehmen mit den Brüdern Ulf und Ernst Wilhelm Rittinghaus an der Spitze trennt sich von ersten ZMD-Anteilen, die WGZ-Bank und die IKB steigen ein.

Affäre und Ausverkauf

Die Ziele bleiben ambitioniert. Die ZMD-GmbH wird in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, soll an die Börse. Doch dazu kommt es nie. Stattdessen sorgen Beihilfe-Prüfungen der EU Anfang des Jahrtausends für neue Verunsicherung. Ende 2000 trennt sich Sachsenring von der ZMD-Mehrheit, rund 180 Millionen Mark (90 Millionen Euro) spült das in die Kassen des Autotechnik-Konzern. Der gerät trotzdem in schwere Turbulenzen, geht schließlich in Insolvenz. Es beginnt eine Schlammschlacht zwischen den Sachsenring-Managern und der CDU-geführten Landesregierung – mit allem was dazu gehört: Schuldzuweisungen, Parteispendenvorwürfe, staatsanwaltlichen Ermittlungen, Landtagsuntersuchungsausschuss, Affäre um EU-Fördermittel.

Immer wieder gibt es damit schlechte Presse für das ZMD. Nennenswerte Gewinne bleiben dagegen weiter aus. Allerdings investiert die Firma erheblich in Forschung und Entwicklung, will bis 2006 auf 1000 Mitarbeiter wachsen. Der Freistaat zieht eine Option aus dem Sachsenring-Verkauf und erhält zehn Prozent der Firmenanteile – heute sind es elf, den Rest hält der WGZ-Ableger Global Asic, ein Finanzinvestor.

Auf ein Jahr mit Gewinn, folgen gleich wieder Verluste. 2005 kann von Selchow allerdings bilanzieren: „Silicon Saxony ist zu einem Synonym für den Aufstieg Dresdens zur Chip-Metropole Europas geworden“. Rund 17.000 Mitarbeiter bringen einen Umsatz von über drei Milliarden Euro. Schommers Vision hat sich erfüllt.

In seinem Unternehmen muss von Selchow jedoch auf die Kostenbremse treten. Er will sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, verkauft eine Teilsparte nach der anderen: die Chipverpackungstochter MPD, die Speichersparte, die Optoabteilung, schließlich auch die Chip-Fertigung. Der „Spiegel“ nennt es einen „beispiellosen Ausverkauf“, der das Unternehmen vor der Insolvenz rette. Von Selchow spricht nur von einem Befreiungsschlag, auf den er auch heute noch stolz ist. Durch Branchenentwicklungen – auch AMD trennte sich inzwischen von seinen Fertigungs-Kapazitäten – sieht er sich bestätigt. Für 2007 verkündet von Selchow das beste Jahr der Firmengeschichte mit vier Millionen Euro operativem Gewinn. Dann verhagelt die Finanzkrise die Zahlen.

Mit grüner Strategie zum Erfolg

Von Selchow bleibt stets optimistisch. Weiterhin investiert ZMD stark in den Entwicklungsbereich. Inzwischen hat der Geschäftsführer dem Firmennamen ein „I“ verpasst, ZMDI soll internationaler klingen, und das Unternehmen startet den Schwenk weg von den kundenspezifischen Chips hin zu Standardprodukten. Derzeit beschäftigt die Firma 280 Mitarbeiter und realisierte im vergangenen Geschäftsjahr 2010 rund 55.1 Millionen Euro Umsatz (plus 28 Prozent). Statt 4,5 Millionen Euro Verlust wie im Vorjahr erwirtschaftete das ZMDI im Geschäftsjahr 2010 einen Vorsteuergewinn (EBIT) von 1,1 Millionen Euro. Für das Jahr 2011 erwartet von Selchow etwa 60 Millionen Euro Umsatz bei einem Vorsteuergewinn von rund 4,5 Millionen Euro.

Vier wesentliche Säulen will von Selchow ausbauen. Zum ersten Bereich zählen Chips für Messung im Automobilbereich (Sensoren für die Messung von Drücken, Niederschlag, Temperaturen). Das zweite Feld sind Schaltkreise für die Steuerung von Leuchtdioden (LED-Bildschirme u.ä.). Im dritten Sektor geht es um Batteriesensoren unter anderem für die Start-Stop-Technologie beispielsweise zur Überwachung der Batteriekapazität, damit das Auto nach der Abschaltung auch wieder anspringt und als viertes Feld arbeitet ZMDI an Chips für das sogenannte Power-Management – den stromsparenden Betrieb von elektronischen Geräten in der Datenverarbeitung (Server) beispielsweise. ZMDI halte derzeit 102 Patente für energieeffiziente Produkte. „Mit zahlreichen neuen Produkten für ‚grüne Technologien‘ werden wir die 50jährige Erfolgsgeschichte des Unternehmens in der Mikroelektronik fortschreiben“, kündigt der Geschäftsführer an. Ingolf Pleil

www.zmdi.com

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Ingolf Pleil. Abb.: hw

Ingolf Pleil. Abb.: hw

Abb.: Links-Verlag

Mein  Gastautor Ingolf Pleil (Baujahr 1968) ist Redakteur bei den „Dresdner Neuesten Nachrichten“. Dort berichtet er über die Landespolitik in Sachsen und ist als „Chef vom Dienst“ (CvD) tätig. Außerdem ist er Fan des Dresdner Traditionsvereins „Dynamo Dresden“ und Autor des Buches „Mielke, Macht und Meisterschaft“, in dem er die Einflussversuche der Stasi auf den Dresdner Fußballclub beleuchtet.

Lesetipp: Ingolf Pleil: „Mielke, Macht und Meisterschaft“, Links-Verlag, Berlin 2001, 15,50 Euro, ISBN 978-3861532354

(Achtung: das Buch ist vergriffen, teils aber noch gebraucht, z. B. bei Amazon, erhältlich.)

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