Wirtschaft
Schreibe einen Kommentar

Vom Sand zum Handy: Wie ein Chip entsteht

Wie aus Quarzsand ein Smartphone wird. Montage: hw

Eine Kurzgeschichte mit Ionenkanonen, Sägen und einem kuriosen Sonnenbrand

 

Gestatten: Herr Sand ist mein Name, Quarz-Sand, um genauer zu sein. Manche Leute in weißen Kitteln nennen mich auch Siliziumdioxid – aber ich bevorzuge „Sand“. Was, Sie halten mich für ein Handy? Kein Wunder: Ich bin kaum wiederzuerkennen nach dem, was ich in den vergangenen Monaten durchgemacht habe: Ich wurde zur Weißglut getrieben, zersägt, beschossen…

Aber ich beginne am besten am Anfang: Da lag ich also gemütlich seit ein paar Millionen Jahren in der Erde rum und plötzlich riss mich eines Morgens so ein impertinenter Bagger aus dem festen Eheleben von Silizium und Sauerstoff – wir aus der Silizium-Sippe mögen das Single-Dasein nämlich überhaupt nicht. Doch statt sich zu entschuldigen, stopfte man mich in einen 1800 Grad heißen Ofen und mein Rivale Kohlenstoff schnappte mir auch noch meinen geliebten Sauerstoff weg. Immerhin fühlte ich mich danach wie frisch gebadet: so ultrarein eben. Konnte kaum noch ein Fremdatom in meinem Siliziumleib spüren.

Intel-Video „Vom Sand zum Chip“:

Siltronic-Video Kristallzucht

Siltronic-Video Kristallzucht

 

Na ja, danach wurde es gemütlicher: Eine Woche lang schmiegte ich mich in einer Schmelze an einen Impfkristall an, wuchs und wuchs ganz langsam zu einem Stab heran und passte schön auf, das mein Kristallgitter nirgends einen Knacks bekam. Aber dann wurde es echt heftig: Man hat mich in lauter „Wafer“ geschnitten, so dünn wie Salamischeiben. Wie ein Rundspiegel sah ich danach aus.

Video von Infineon Dresden: Chipproduktion

Doch statt mich zu bewundern, brachten mich die Menschen in eine große Fabrik, wo ich ein wochenlanges Martyrium durchlitt: Sie überzogen mich mit Fotolack, stülpten mir eine Maske über, schoben mich unter eine Art Höhensonne – und danach sah ich aus wie sonnenbrand-gemustert. Die Leute da steckten mich in ein ätzendes Bad, doch sie bekamen nie den ganzen Lack weg: Zwischen den Lackresten blieben Streifen und Schaltmuster und auf die haben sie mit ihren Ionenkanonen dann eingeballert, was das Zeug hielt – und das immer und immer wieder.

Hinterher fühlte ich mich wie elektrisiert. An meinen früheren Solariumstreifen flitzten plötzlich die Elektronen entlang, warteten manchmal vor Toren, die sich öffneten oder schlossen – wie in einem bizarren Labyrinth, aber um das Millionenfache verkleinert. Immerhin spürte ich, wie ich immer schlauer wurde: Ich erkannte, dass ich mit den Elektronen-Toren wie mit einem Abakus rechnen konnte – nur viel, viel schneller. Ungefähr drei Milliarden Additionen pro Sekunde habe ich seitdem gut und gerne drauf.

Doch dann kamen schon wieder die Männer mit den Sägen und zerteilten meine schöne flache Scheibenwelt in lauter Chips, kaum so groß wie ein Fingernagel. Immerhin bekam ich bald wieder Kontakt zur Außenwelt, denn freundliche Maschinen verzierten mich mit Golddrähten, packten mich in ein hübsches Keramikhäuschen und stempelten darauf „IC – Integrierter Schaltkreis“.

Animation: Chip-Bonding (hat nichts mit Fesselspielen zu tun):

So gegen alles Unbill geschützt, ertrug ich es dann schon klaglos, dass man mich auf große grüne Leiterplatten draufklebte – und in selben Moment bekam ich Kontakt zu vielen, vielen Leidensgenossen: Ein IC erzählte mir, dass er auf magische Weise Buchstaben auf einem Bildschirm erscheinen lassen konnte, ein anderer, ein Herr Speicher, gab mit seinen Gedächtniskünsten an, ein dritter behauptete, Signale aus dem Äther zu empfangen – na wahrscheinlich so ein Ufo-Spinner.

Jetzt jedenfalls sehe ich aus wie ein Handy. Aber in meinem Innern bin ich Herr Quarzsand geblieben, der aus der Siliziumsippe. Heiko Weckbrodt

Zurück zum Special „50 Jahre Mikroelektronik in Dresden“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.