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Infineon investiert 350 Mio Euro in Dresden

Leistungshalbleiter werden auf süperdünnen Wafern hergestellt. Abb.: Infineon
Leistungshalbleiter werden auf süperdünnen Wafern hergestellt. Abb.: Infineon
Reinhard Ploss. Abb.: Infineon

Reinhard Ploss. Abb.: Infineon

Dresden/München, 28.7.11.: Der Münchner Halbleiterkonzern Infineon investiert in Dresden weitere 250 Millionen Euro in eine Fabrik für Leistungselektronik auf 300-Millimeter-Wafern (Siliziumscheiben). Dabei entstehen bis 2014 zunächst 250 neue Jobs. Das teilte das Unternehmen nach einiger Ziererei nun mit. „Wenn sich der Markt, der Umsatz und die Rahmenbedingungen entsprechend den bisherigen Prognosen entwickeln, wäre ein weiterer Ausbau über die kommenden sechs bis sieben Jahre möglich“, kündigte die Unternehmensleitung an. Die Fabrik wird im ehemaligen Qimonda-Reinraum eingerichtet, den Infineon kürzlich für 101 Millionen Euro erworben hatte (Der Oiger berichtete).

Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) zeigte sich erfreut über die Entscheidung: „Hier wird eine weltweit einzigartige Technologie eingeführt.“ Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) sprach von einem „guten Tag für Dresden und Sachsen“ und Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) meinte, Silicon Saxony werde „bald Europas größtes Mikroelektronik-Cluster sein“. Helmut Warnecke – Silicon-Saxony-Vorstand und einer der Chefs von Infineon Dresden – erklärte namens des Branchenverbundes: „Das zeigt, dass ,Silicon Saxony‘, obwohl nur ein Interessenverband, normative Kraft bei Ansiedlungen entfaltet.“

Millionen-Beihilfen geplant

„Wir haben uns für Dresden wegen der guten Randbedingungen entschieden“, sagte Infineon-Produktionsvorstand Reinhard Ploss. Er denke da an das Netzwerk „Silicon Saxony“, die Kooperation mit Instituten, das Know-How in der Chipfertigung auf 300-Millimeter-Wafern (Siliziumscheiben) und die Landeshilfen. Wie stark Sachsen die Investition subventioniert, bezifferte Morlok noch nicht. „Wir werden aber den von der EU vorgegeben Beihilferahmen ausschöpfen.“ Zu diesen Investitionshilfen kommen Forschungsfördermittel, so dass sich der Staatsanteil auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag einpegeln dürfte.

Links die alte Qimonda-Fab, in der Infineon nun seine 300-mm-Fertigung einrichtet, in der Mitte Infineons zwei 200-mm-Werke, rechts das Fraunhofer CNT. Abb.: Infineon

Links die alte Qimonda-Fab, in der Infineon nun seine 300-mm-Fertigung einrichtet, in der Mitte Infineons zwei 200-mm-Werke, rechts das Fraunhofer CNT. Abb.: Infineon

Vor allem konnte Infineon ein Schnäppchen machen: Der Konzern kaufte Insolvenzverwalter Michael Jaffé im Mai für 101 Millionen Euro den Großreinraum der pleite gegangenen Infineon-Tochter Qimonda ab, der einst Milliarden kostete. Das Gerücht, Infineon habe Qimonda absichtlich verhungern lassen und sich an den Resten bereichert, wies Ploss vehement zurück: 2009 habe Infineon wegen eigener Probleme nur wenig Spielraum gehabt, um die Tochter zu retten.

Tempovorteil durch Qimonda-Deal

Der Start in einer halbfertigen Fabrik soll helfen, um die neuen Leistungshalbleiter schneller als die Konkurrenz auf den Markt zu werfen. So hofft Infineon, in Chinas 5-Jahres-Plan mitzumischen, der mehr Öko-Energie und Stromeffizienz vorsieht – Projekte, bei denen die Dresdner „IGBT“-Chip benötigt werden.

Bis 2014 will Infineon auf eine Kapazität von ein paar Hundert bis Tausend Wafer pro Woche kommen. Damit ist der alte Qimonda-Reinraum nur zu 20 bis 30 Prozent ausgelastet. Ploss schloss weitere Ausbauphasen nicht aus. Dann könnten noch mal Hunderte neue Jobs entstehen, die Kapazität auf über 10.000 Waferstarts pro Woche steigern und sich die Gesamtinvestition auf eine halbe bis eine Milliarde Euro erhöhen. Die neue Fab wird voraussichtlich nicht als eigenes Unternehmen geführt, sondern in Infineon Dresden unter Leitung von Thomas Leitermann und Helmut Warnecke eingegliedert. Eingestellt werden in der ersten Welle nun zunächst Prozessingenieure, Techniker und Physiker.

In den vergangenen zwei Jahren hatte Infineon bereits 150 Millionen Euro in die Modernisierung und in den Ausbau seiner zwei Logikchipwerke in Dresden investiert, so Sprecherin Diana Heuer. Derzeit beschäftigt Infineon hier etwa 1900 feste und 200 Leiharbeiter.

Umsatz steigt, Gewinn sinkt

Zeitgleich gab der Konzern auch seine Quartalszahlen bekannt. Demnach stieg der Umsatz in den vergangenen drei Monaten um fünf Prozent auf 1,043 Milliarden Euro. Der Konzernüberschuss brach hingegen um 67 Prozent auf 190 Millionen Euro ein. Die Börsianer hatte den Gewinnrückgang allerdings erwartet, da Infineon im Vorquartal die Erlöse aus dem Verkauf seiner Mobilfunk-Chipsparte an Intel verbucht hatte.

www.infineon.de

 Stichwort „Leistungshalbleiter“

Leistungshalbleiter vertragen Spannungen und Stromstärken von mehreren Hundert bis Tausend Volt beziehungsweise Ampere und können daher große E-Motoren und Generatoren steuern und effizienter machen.
Einsatzfelder sind zum Beispiel Solarkraftwerke, in denen die Photovoltaikzellen jeweils wenige Volt Gleichstrom liefern, die zu höheren Wechselspannungen gewandelt werden. Ähnliche Anpassungen sind für Windkraftwerke notwendig, bevor der dort erzeugte Strom in die Netze eingespeist werden kann. Auch in Klimaanlagen, Computernetzteilen, E-Loks und ähnlichen Anlagen können Leistungshalbleiter für einen intelligent geregelten und damit stromsparenden Betrieb sorgen.
„IGBTs“ (Bipolartransistoren mit isolierter Gate-Elektrode) heißen die Chips, die im neuen Werk hergestellt werden. Sie entstehen auf superdünnen Siliziumscheiben (40 statt etwa 500 Mikrometer bei normalen Wafern), weil sie auf beiden Seiten mit Elektronik beschichtet und durchkontaktiert werden müssen. Diese biegsamen, aber auch bruchgefährdeten Scheiben sicher durch die komplexe Produktionskette zu schleusen, ist eine der Herausforderungen der neuen Technik.
300-mm-Wafer: Auf sie passen etwa eineinhalb mal soviele Chips pro Durchgang wie auf 200 Millimeter große Scheiben, wie sie bereits in der Leistungshalbleiter-Produktion eingesetzt werden – ein enormer Produktivitätsvorteil.

Kommentar: Bitterer Beigeschmack bleibt

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