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DVD: „Die Schlacht an der Somme“

Grüße an Willie (Wilhelm II.) hat dieser Soldat auf die Granate geschrieben - makabere Späße gehörten zu den Bewältigungsstrategien. Abb. (3): Absolut Medien

Makabere Späße als Bewältigungsstrategie: Grüße an Willie (Wilhelm II.) steht auf der Granate - Abb. (3): Absolut Medien

Propaganda, Kassenknüller, Welterbe

Lange bevor der Krieg, der 1914 bis 1918 die Welt verheerte, der „I. Weltkrieg“ genannt wurde, hieß er schon „Der große Krieg“, „Der Maschinenkrieg“ oder schlicht „Die Blutpumpe“. Wohl kaum einem Zeitgenossen in den kämpfenden Ländern entging der hohe Blutzoll, die neue Qualität dieses Krieges. Dass die Verlustzahlen einer Grabenschlacht nicht mehr nach Tausenden oder Zehntausenden, sondern nach Hunderttausenden oder gar Millionen gemessen wurden.

Und auch keiner der Regierungen entging, welche Gefahren ein langer und verlustreicher Krieg für die Moral der „Heimatfront“ barg. Man flüchtete sich – statt in einen Friedensschluss – in mehr Propaganda. Und auch wenn die anfangs noch recht plump daher kam, entwickelte sich bereits hier der (wie später auch im II. Weltkrieg) so erfolgreiche britische Agitprop-Weg: Man gab sich zumindest den Anstrich einer objektiven Berichterstattung und erhöhte so die eigene Glaubwürdigkeit.

Mit der Handkurbelkamera eingebettet in den Schützengraben

Ein Beispiel dafür ist „Die Schlacht an der Somme“: Der englische (Pseudo-)Dokumentarfilm über den britischen Großangriff 1916 auf die deutschen Stellungen entwickelte sich in England zum Kassenschlager. Binnen sechs Wochen wurden 20 Millionen Eintrittskarten verkauft – damals hatte Großbritannien rund 43 Millionen Einwohner.

Konzept, Nähe und Perspektive waren wesentlich für diesen Erfolg: Die Militär-Kameramänner Geoffrey Malins und J. B. McDowell betätigten sich schon damals als das, was man heute „eingebetteter Reporter“ nennt, gingen mit ihren schweren Handkurbelkameras in die Schützengräben, filmten die Soldaten beim Gewehrputzen, Essenfassen und im Angriff – man wollte den englischen Familien daheim „unsere Jungs“ beim alltäglichen Kriegshandwerk zeigen. Und: Die Zensurbehörde im Kriegsministerium ließ auch Bilder von fallenden und toten Engländern zu, von nett lächelnden deutschen Gefangenen. All dies und mehr verlieh dem Dokfilm einen glaubwürdigen Anstrich.

Die „Leiche“ macht’s sich bequem
Ein Offizier weist seinen Trupp in den Angriffsplan ein.

Ein Offizier weist seinen Trupp in den Angriffsplan ein.

Was die Kinozuschauer nicht wussten: Die Aufnahmen waren zwar im wesentlichen authentisch, aber stellenweise doch getürkt: In einer der Schlüsselszenen zum Beispiel sieht man einen englischen Trupp zum Angriff aus dem Schützengraben stürmen, ein Soldat fällt – direkt vor den Augen der Zuschauer – durch eine deutsche Kugel, noch bevor er den Kamm erreicht. Diese Aufnahme wurde gestellt, in der Vergrößerung sieht man, wie sich eine der „Leichen“ bequemer zurechtlegt.. In einer anderen Einstellung teilen britische Soldaten Brot und Zigaretten mit deutschen Gefangenen. Doch der Betrachter erfährt nicht, dass dies auf ausdrücklichen Befehl eines Offiziers geschah.

Aufnahmen aufwendig restauriert

All dies mindert nicht den besonderen kulturhistorischen Wert des Streifens, der 2005 von der UNESCO in das „Weltdokumenten-Erbe“ aufgenommen wurde. Ein Jahr später war eine restaurierte und musikalisch neu vertonte Fassung der „Schlacht an der Somme“ fertiggestellt., die nun auf DVD in der „Arte Edition“ erhältlich ist. Auf der Scheibe findet man neben dem Film auch Dokumentationen über die aufwendigen Restaurierungsarbeiten an den verblichenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und über die Genese des Streifens. Sehenswert besonders für all jene, die sich für die neuere europäische Historie, aber auch für Propagandageschichte interessieren. Heiko Weckbrodt

„Die Schlacht an der Somme“ (Arte-Edition/ absolut Medien), Original: UK 1916, Restaurierte Fassung: UK 2006, DVD 13 Euro, erhältlich ab 29. Juli 2011

 

Zum Weiterlesen (aus zeitgenössischer deutscher Perspektive):
– Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“, Kiepenheuer & Witsch (Original: 1928)

– Ernst Jünger: „Kriegstagebuch 1914-1918“, Klett-Cotta 2010

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