Internet & Web 2.0
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Die Krux mit den Fakes

Immer öfter versuchen getürkte „Kunden-Bewertungen“ Internet-Käufer in die Irre zu führen

 Von Ronny Siegel und Heiko Weckbrodt
„Super-App – unbedingt kaufen!“ „Auf so ein Programm hab ich schon ewig gewartet, dafür würde auch mehr Geld ausgeben.“ Solch verdächtig enthusiastische Bewertungen liest man in Apples Programmladen „App Store“ immer öfter. Auch in anderen großen Internetgeschäften liegt bei manchen Rezensionen der Verdacht nahe, dass da die Herstellerfirma selbst lobende Worte über sich gefunden und als Kundenbewertung getarnt hat. Die Motive liegen auf der Hand: Für viele Internetnutzer sind die Eindrücke anderer Kunden ausschlaggebend für die Kaufentscheidung. So sind Fake-Rezensionen (getürkte Bewertungen) ein Massenphänomen geworden.
 Professionelle Reputations-Tuner
 Ein ganzer Geschäftszweig hat sich inzwischen aus dem Wunsch der Produkt-Anbieter entwickelt, das eigene Image im Internet positiv zu beeinflussen. Dabei setzen die Profis nicht unbedingt auf Betrug – die Grenzen zur Meinungsmanipulation sind aber oft fließend. „Im Rahmen einer Schadensbegrenzung können wir Sie mit unserem Online Reputation Management unterstützen und Ihr Unternehmen wieder in das richtige Licht setzen!“, offeriert etwa die Berliner Agentur „Seosmart“ ihre professionellen Dienste. „Zum Aufbau, der Erhaltung oder der Wiederherstellung Ihres guten Namens führen wir ganz unterschiedliche Maßnahmen durch und bedienen uns aller Möglichkeiten.“ Ob dazu Auftrags-Rezensionen gehören, verrät die Agentur nicht, bietet aber auch an, „negative Kritik aus den Suchergebnissen (der Internet-Suchmaschinen, d. R.) zu verdrängen“.
 Rezensionen gegen ein Handgeld
 Auf der anderen Seite der Wertschöpfungkette akquirieren Portale im Netz gezielt Autoren, die gegen Entgelt Bewertungen verfassen. Ob der Rezensent jemals das besprochene Produkt in den Händen hielt, spielt oft keine Rolle. Bezahlt wird in der Regel pro Beitrag. „Mit der Bewerbung müssen Sie einen einzigartigen, noch nicht veröffentlichten, Artikel abliefern, welcher ein Amazon-Produkt der Kategorie Küche, Haus & Garten oder Baby beschreibt“, heißt es beim österreichischen „verdienegeld.at“. Honorar: ab fünf Euro aufwärts.
 WePad-Eigenlob vom Chef
Das umstrittene WePad. Abb.: Wetab

 Nur selten werden direkte Manipulationen offenkundig. Die Besprechungen des „WePad“ gehören zu den bekannt gewordenen Ausnahmen: Mit großen Tamtam hatten die Firmen “4tiitoo“ und „Neofonie“ ihren Tablettcomputer „WePad“ vor einem Jahr als großen Herausforderer von Apples „iPad“ angekündigt. Als das „WePad“ erschien, waren die Kritiken der Fachpresse vernichtend. Dann tauchten plötzlich WePad-Jubel-Rezensionen bei Amazon auf. Wenig später musste Neofonie-Chef Helmut Hoffer von Ankershoffen zugeben, dass er die Lobeshymnen selbst unter falschem Namen selbst verfasst hatte.

 Amazon & Co. sieben aus
 Den großen Onlineverkaufsplattformen ist das Problem bekannt. Bereits mehrfach tauchten Fake-Rezensionen im Onlinekaufhaus Amazon und auf der Produktvergleichseite Ciao.de auf. Entdecke man eine Manipulation, werde der Beitrag unverzüglich entfernt, versicherten beide Betreiber auf Anfrage. Sie setzen auch „auf die Selbstreinigungskraft der Community“, so ein Ciao-Sprecher: Die Nutzer können Verdachtsfälle melden, die geprüft und bei stichhaltigen Indizien sofort entfernt werden. Bei Buch.de werden die Rezensionen automatisch nach bestimmten Stichwörtern kontrolliert, um Fakes auszusortieren. Die Zahl getürkter Bewertungen liegt nach Aussagen aller drei Portale im Promillebereich, ein Großteil der Fakes bleibe nur ein bis zwei Tage unentdeckt.
 Auch Apple will durchgreifen
 Auch Apple hat angekündigt, verstärkt gegen Fakes im App Store vorzugehen. Laut einem Bericht von www.apfelnews.eu hat der Computerkonzern seine Richtlinien im „App Store“ „erheblich verschärft“ und Tricksereien am Bewertungs-Prozess untersagt. Auch die Apple-Mitarbeiter wollen Rezensionslisten gründlicher nach Fakes durchforsten.
 Negativ-Fakes schwerer erspürbar
 Doch mitunter ist es äußerst schwer, eine Manipulation auszumachen. Ursache dafür sind die verschiedenen Formen von Fake-Rezensionen, die sich in den vergangenen Jahren etablieren konnten. Denn neben Positiv-Fakes gibt es auch negative Fake-Rezensionen, die schwerer aufzudecken sind. Diese werden eingesetzt, um Mitbewerber in Misskredit zu bringen. Sie herauszufiltern ist fast unmöglich, da es immer Kunden geben wird, die mit Produkten nicht zufrieden sind. Die Onlineverkaufsplattformen setzen an dieser Stelle auf die reinigende Wirkung des Netzes. Damit ist gemeint: Ab einer kritischen Masse von Rezensionen entwickelt sich von allein ein klares Bild zu dem Produkt. Eine negative Fake-Rezension verliert unter diesen Umständen bereits ab der zweiten sachlichen Rezension an Aussagekraft und kann nur schädigen, solange sie auch dominiert.
 Plausibilitätsprüfung hilft oft
 Gegen die Gefahr, durch Fakes manipuliert zu werden, kann sich jeder Nutzer natürlich auch selbst ein Stück weit schützen. Oft helfen einfache Plausibilitätserwägungen: Hat zum Beispiel ein Produkt Dutzende Verrisse geerntet, in der Rezensionsliste tauchen aber ganz oben zwei einzelne Beiträge mit Top-Bewertung auf, ist Misstrauen geboten. Auch verraten sich viele Manipulatoren durch ihren Duktus – oft Pauschallobhudeleien ohne Begründung -, den sie sich in PR-Schulungen angeeignet haben. Werden in einer Rezension hingegen Pro- und Contra-Argumente abgewogen, weist dies eher auf eine echte, erwägenswerte Kundenbewertung hin.

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